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Was ist Virtuosität?

Es war eine Übertragung des Concerto delle Donne in Ferrara bzw. durch das Forum Alte Musik in Köln im letzten Jahr, die mich dazu brachte, über diese Frage nachzudenken. Diese beispiellosen Madrigale und die ungewöhnliche Meisterschaft, die ihre Ausführung damals wie heute verlangte, üben auf den Zuhörer eine hypnotische Faszination aus, die sowohl aus dem beeindruckenden, ja elysischen Können der Musikerinnen als auch aus dem Versuch entsteht, die intrinsische Motivation hinter künstlerischem Streben dieser Art zu begreifen. Nicht nur in der Musik, sondern in allem künstlerischen Tun.

Begriffsdefinitionen gibt es genug, darunter auch einige herausragende – hier wäre nicht zuletzt Jankélévitch zu erwähnen. Doch sagen sie nichts darüber aus, wie sich Virtuosität wirklich rezeptiv offenbart oder aktiv erreicht wird, welcher Augenblick genau die Überschreitung jenes Punktes kennzeichnet, der den Unterschied, die Grenze zwischen bloßer Perfektion und magischer Brillanz ausmacht.

Virtuosität erwächst einer Dichotomie, in der das Leichte und Verspielte keinen Widerspruch zu der aufwändigen Arbeit darstellt, die nötig ist, um es erblühen zu lassen, sondern ohne sie niemals sein könnte: Virtuosität ist nicht zuletzt ein Ausdruck der Freude am Praktizieren, an der Übung an sich, an der Übung als solcher.
Gerade deshalb erscheint es besonders ungerecht, ja grausam und beleidigend, dass sie allzu oft mit Talent oder Genie gleichgesetzt und verwechselt, schlimmer noch zuweilen als Selbstdarstellung, Hochmut, Effekthascherei oder Preziosität missverstanden wird. Hier zeigt sich wiederum, wie unzugänglich und fremd Hochleistung allgemein und künstlerische Leidenschaft insbesondere Menschen anmuten, die sie nicht selbst leben.

Virtuosität ist kein Ergebnis, kein Ziel, keine Vollendung, sondern ein selbstgewählter Prozess, der als Selbstzweck betrachtet werden darf. Ganz und gar unzutreffend ist der Ausdruck „Virtuosität erreichen“. Es ist in etwa so, als würde man in der Betrachtung eines Kamins behaupten, das Feuer sei erreicht. Tatsächlich erwächst sie nur für die Zeit, in der das Werk ausgeführt wird, in der das Konzert gespielt wird, der Pinsel des Malers die Leinwand berührt, die Feder des Kalligraphen den Buchstaben formt oder der Satz zum ersten Mal geschrieben wird. Ist die Aktion des Erschaffens beendet, erlischt die Virtuosität im selben Augenblick und muss ein anderes Mal, an einem anderen Tag, aufs Neue erschaffen werden. Was bleibt, ist in Kategorien von Rezeption und Bewertung ihr greifbarer Schatten, die überwältigende Erinnerung, die uns spüren lässt, dass etwas Besonderes, Einmaliges, Flüchtiges und Unwiederbringliches geschehen ist.
Für den ausführenden Musiker oder den Künstler seinerseits ist Virtuosität vielleicht vor allem ein Glasperlenspiel im positivsten Sinne des Wortes, das die Brücke zwischen dem fröhlichen Streben nach Perfektion aus selbstbestimmter Leidenschaft und der zweckungebundenen, von kommunikativer oder darstellender Absicht gelösten Neugier nach den Grenzen von Material und Ausdrucksweisen schlägt.
Virtuosität ist für Rezipienten und Künstler gleichermaßen der Augenblick, in dem im Experiment der Ausführung die Kunst wieder Technik wird und diese deshalb strahlend transzendiert.

So betrachtet  ist Virtuosität – und dies trifft nicht nur auf die Musik, sondern auf alle Künste zu – in erster Linie Ausdruck  purer Lebensfreude und des Bewusstseins um die Rolle der Auslegung und des Einfallsreichtums der Interpretation, vor allem aber ein Zeugnis der Demut im Angesicht des Materials und der menschlichen und individuellen Möglichkeiten, ja Unzulänglichkeiten. Virtuosität ist der Unterschied zwischen der natürlichen Hoffnungslosigkeit, die mit der Gewissheit um die Unerreichbarkeit von Perfektion und um die Bedeutungslosigkeit einer ergebniszentrierten Bewertung einhergeht, und der kindlichen und bedingungslosen Begeisterung für die fraglose und unendliche Suche nach der Form, nach der ultimativen Ästhetik.

Gerade heute bietet der Anblick von Virtuosität als Spiel, aber auch als Überschwang und unhinterfragte, zweckfreie Hingabe einen unvergleichlich wertvollen tröstlichen Gegenpol zu der utilitaristischen und nihilistischen Einstellung unserer Gesellschaften – hier müsste die japanische Kultur als erfreuliche Ausnahme zitiert werden – und unserer Zeit. Wenn auch selbst die Kunst an KI unterzugehen droht, so bleibt Virtuosität deshalb eine letzte Insel des Schönen, weil ihr Wunsch, nach dem Erhabenen zu trachten, nichts will außer sich selbst.

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