{"id":74,"date":"2017-08-02T20:59:06","date_gmt":"2017-08-02T18:59:06","guid":{"rendered":"http:\/\/kunsttext.de\/kunsttext\/?p=74"},"modified":"2023-11-22T15:20:10","modified_gmt":"2023-11-22T14:20:10","slug":"der-stuhl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kunsttext.de\/kunsttext\/der-stuhl\/","title":{"rendered":"Der Stuhl"},"content":{"rendered":"<p>Die Gasse ist so schmal, dass sich nicht einmal Platz f\u00fcr einen B\u00fcrgersteig findet. Kaum jemand verirrt sich hierher, Fahrzeuge kommen nicht vor. Zwischen den verwitterten alten Mauern, die in blassem Ros\u00e9 zart das sinnlose graue Teerband s\u00e4umen, herrscht f\u00fcr gew\u00f6hnlich Stille. Das Leben der Stadt, das sich erst jenseits eines gekonnten Labyrinths ausbreitet, klingt fern und fremd. Charmantes Gras blitzt hie und da unbehelligt im winzigen gelblichen Streifen, der sandig H\u00e4user und Stra\u00dfe trennt.<br \/>\nNeben einer offenen T\u00fcr, die nur leere dunkle K\u00fchle preisgibt, steht ein zierlicher Stuhl. Er war einmal blau, doch das ist lange her. Die Mittagssonne hat ihn gebleicht und den Ockerstaub um seine Beine etwas hochgewirbelt, als der hei\u00dfe leichte Wind f\u00fcr einen kurzen Augenblick durch die Gasse trieb.<br \/>\nEr wurde nicht vergessen \u2013 das hier ist sein Platz. Jeden Morgen findet er den Weg heraus in die frische W\u00e4rme des aufkeimenden Tages. Jeden Abend, wenn die Luft l\u00e4ngst wieder k\u00fchl, der Himmel wei\u00df geworden ist, tr\u00e4gt ihn eine unsichtbare Hand sch\u00fctzend wieder hinein. Zuweilen, selten jedoch, gesellt sich zu ihm ein kleiner, fragiler Tisch, der schon bessere Zeiten gesehen hat.<br \/>\nDer Spazierg\u00e4nger, der ihn hinter einer Wegbiegung ganz zuf\u00e4llig erblickt, bleibt auf der Stelle verlegen stehen und f\u00fchlt sich ob seines ungewollten Eindringens ein wenig schuldig. Instinktiv sp\u00fcrt er, dass seine blo\u00dfe Anwesenheit eine unausgesprochene Grenze \u00fcberschreitet und die Ruhe st\u00f6rt.<br \/>\nDer leere Stuhl ist nicht einsam, nicht verlassen, und geheimnisvoll scheint er nur zu sein. Tats\u00e4chlich ist er unaufgeregtes Lebenszeichen, stumme Erz\u00e4hlung, zeitloser Alltag und Selbstverst\u00e4ndlichkeit \u2013 und doch zu privat, um sich dem Passanten zu entbl\u00f6\u00dfen. Seine Geschichte verweilt verletzlich und ungesagt im violetten Schlagschatten der schmalen Gasse.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gasse ist so schmal, dass sich nicht einmal Platz f\u00fcr einen B\u00fcrgersteig findet. Kaum jemand verirrt sich hierher, Fahrzeuge kommen nicht vor. Zwischen den verwitterten alten Mauern, die in blassem Ros\u00e9 zart das sinnlose graue Teerband s\u00e4umen, herrscht f\u00fcr gew\u00f6hnlich Stille. Das Leben der Stadt, das sich erst jenseits&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.kunsttext.de\/kunsttext\/der-stuhl\/\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">Der Stuhl<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[14],"tags":[12,7,8,9],"class_list":["post-74","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-orte-des-sommers","tag-martine-paulauskas","tag-momentaufnahme","tag-sommer","tag-textminiaturen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/kunsttext\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/kunsttext\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/kunsttext\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/kunsttext\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/kunsttext\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=74"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/kunsttext\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":75,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/kunsttext\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/74\/revisions\/75"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/kunsttext\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=74"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/kunsttext\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=74"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/kunsttext\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=74"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}