{"id":72,"date":"2017-06-25T14:21:35","date_gmt":"2017-06-25T12:21:35","guid":{"rendered":"http:\/\/kunsttext.de\/kunsttext\/?p=72"},"modified":"2023-11-22T15:19:02","modified_gmt":"2023-11-22T14:19:02","slug":"der-tag-der-alten-herren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kunsttext.de\/kunsttext\/der-tag-der-alten-herren\/","title":{"rendered":"Der Tag der alten Herren"},"content":{"rendered":"<p>Die Sonne scheint wie immer, der Himmel ist gewohnt strahlendblau. Doch heute ist etwas anders. Die fr\u00fchen Morgenstunden lie\u00dfen jene gr\u00fcne K\u00fchle vermissen, die die Luft scharf und klar f\u00e4rbt. Breitbeinig und bald m\u00fcrrisch sitzen die Touristen in teigiger M\u00fcdigkeit. Streifen von Indigo dr\u00fccken eine milchig-staubige Schicht auf die regungslosen Kronen der Pinien. Lange vor Mittag steht die Hitze bereits.<br \/>\nDie Wettervorhersage hat schwere Gewitter und sintflutartige Regeng\u00fcsse angek\u00fcndigt.<\/p>\n<p>Dies ist der Tag der alten Herren.<br \/>\nDer R\u00fccken ist heute gerader, der Blick aufgeweckt, aufmerksam, verschmitzt. Die Schultern entspannen sich erleichtert und stolz. Der Schritt t\u00e4nzelt beinahe leichtf\u00fc\u00dfig neben dem ein wenig gl\u00e4nzenderen Spazierstock, der pl\u00f6tzlich wie ein liebevoll gepflegtes und selbstironisches Accessoire anmutet. Frische, tadellos geb\u00fcgelte Hemden, lange wei\u00dfe Hosen, elegante Panamah\u00fcte und brandneue M\u00fctzen zeugen von einer kindlich-aufgekratzten Vorfreude.<br \/>\nDer erste Weg f\u00fchrt zum Zeitungsladen, wo schon fr\u00fch lebhafte Stimmung herrscht. Im fliedervioletten Schatten des Boccia-Platzes, nahe den B\u00e4nken, auf die sich zu setzen in der Aufregung niemand mehr gedenkt, entbrennen kundige meteorologische Debatten. Knochige H\u00e4nde ziehen aus Brust- und Hosentaschen abgegriffene Schreibbl\u00f6ckchen. Ungelenk gespitzte Bleistifte und klickende Kugelschreiber unterstreichen, kritzeln, vergleichen. Der ganze Park hallt von den alten Stimmen wider, die lachend und streitend die Zeit vergessen und von den verst\u00e4ndnislosen, leer fragenden Augen junger Passanten keinerlei Notiz nehmen. Arme schwingen sich gegen den Horizont, belehrende Finger deuten Farben und Windstr\u00f6mungen, lesen die Sprache der Wellen. Zerknitterte Zettel werden fieberhaft und unbeholfen gesucht, sortiert, gezeigt, getauscht, Daten interpretiert und kommentiert, Erinnerungen zu Rate gezogen.<br \/>\nWenn der Duft von Tomaten, Oliven und gegrilltem Fisch immer appetitlicher bis in die letzten Winkel der Stadt vordringt, zerstreuen sich f\u00fcr einige Stunden die kleinen Gruppen, um Leib, Ehefrau und Ruhe zu ihrem Recht kommen zu lassen. Das Intermezzo verstreicht nicht ungenutzt. Wetterkarten und Nachrichtensendungen geben dem Tatendrang neue Nahrung.<br \/>\nMit dem Fortschreiten des Nachmittags, wenn die Aufregung zu lange w\u00e4hrt, werden die Gespr\u00e4che leiser, friedlicher, mitunter etwas wehm\u00fctig. Ermattung schleicht sich hinterr\u00fccks an &#8211; noch wird sie mutig bek\u00e4mpft und vertrieben.<\/p>\n<p>Mit den ersten Blitzen, den ersten Donnerschl\u00e4gen, den ersten Tropfen l\u00f6sen sich Prognosen, Fragen und Antworten im Dampf des B\u00fcrgersteigs auf. Sie sind nicht mehr wichtig. Endlich ist etwas passiert. Einen Tag lang war das Leben spannender, au\u00dfergew\u00f6hnlicher, erfrischend, unb\u00e4ndig anders. Mit dem Sonnenuntergang geht nach jedem Unwetter ein Tag zu Ende, der an Orten des Sommers nur den alten Herren geh\u00f6rt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sonne scheint wie immer, der Himmel ist gewohnt strahlendblau. Doch heute ist etwas anders. 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