{"id":68,"date":"2017-06-18T15:14:48","date_gmt":"2017-06-18T13:14:48","guid":{"rendered":"http:\/\/kunsttext.de\/kunsttext\/?p=68"},"modified":"2023-11-22T15:15:54","modified_gmt":"2023-11-22T14:15:54","slug":"suesse-hitze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kunsttext.de\/kunsttext\/suesse-hitze\/","title":{"rendered":"S\u00fc\u00dfe Hitze"},"content":{"rendered":"<p>In der ewigen Gleichf\u00f6rmigkeit der Sonne ist das Leben nicht mehr individuelle Frage, sondern allgemeine Gewissheit. Es zu quantifizieren, in Kategorien einzuteilen, wird \u00fcberfl\u00fcssig. An Orten des Sommers haben Werte auf einem Thermometer deshalb keine wirkliche Bedeutung \u2013 sind sie doch relativ, subjektiv, ein wenig suspekt. Meteorologische Daten sind hier weder Planungshilfe noch wissenschaftliches Thema. Sie muten eher wie ein privater, kindlich-\u00e4ltlicher Zeitvertreib an. Sie sind Anekdoten, selbstironische Sammelobjekte in Zeiten \u00fcbergriffiger Unterbesch\u00e4ftigung.<\/p>\n<p>Die Hitze ist keine Zahl. Sie ist dunkle S\u00fc\u00dfe.<\/p>\n<p>In der schweren Luft, die sich nur noch widerwillig und viel zu selten bewegt, verschmilzt die verspielt bl\u00e4tterige H\u00fclle gebrannter Erdn\u00fcsse und Mandeln mit dem allgegenw\u00e4rtigen Duft vanilliger Sonnenmilch. Bleiern goldene Parf\u00fcms und Kokos\u00f6l auf brauner Haut verst\u00f6ren die ordentlich graphischen Schichten sahnig-fruchtiger Eiskreationen. Sandiger M\u00fcrbeteig und pappiges Brot entfliehen m\u00fcrrisch in dumpfem Mehlstaub durch die weit offenen T\u00fcren verschlafener B\u00e4ckereien. Die gr\u00fcnen Noten von Fisch, Zitronen und Kr\u00e4utern verstummen machtlos im brennenden Licht. Modrige Schwaden von Leder und Plastik besetzen regungslos die Stra\u00dfe, w\u00e4hrend wolkige Hauben pinkfarbener Zuckerwatte unerbittlich Parks und B\u00e4nke erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Die S\u00fc\u00dfe ist \u00fcberall: im poppigen Strandspielzeug, in der pralinenhaften Eleganz verwaister Parf\u00fcmerien, im makellosen Wei\u00df des t\u00fcrkischen Honigs, im gl\u00fchend hei\u00dfem Metall der Waffeleisen und Cr\u00eapes-Platten und den schmelzenden Nougatcremes und Konfit\u00fcren, die ihre weich-knusprige Br\u00e4une zu einem unwiderstehlich dekadenten Genuss erg\u00e4nzen.<\/p>\n<p>Auch am Abend, wenn die letzten orangenen Strahlen sich nach und nach im stumpfen Graublau eines dunstbeladenen Himmels aufl\u00f6sen, hallt in frischem Teig, reifen Tomaten, gelblichem Anis und im Karamell dunkel gebratenen Fleischs diese aufdringliche S\u00fc\u00dfe nach.<br \/>\nSie macht m\u00fcde und willenlos, besticht die Nase, bet\u00e4ubt den Geist.<\/p>\n<p>Erst wenn sie im Wind vergeht, wenn sie die Vielfalt der Ger\u00fcche wieder abl\u00f6st, ist die Hitze wirklich vorbei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der ewigen Gleichf\u00f6rmigkeit der Sonne ist das Leben nicht mehr individuelle Frage, sondern allgemeine Gewissheit. 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