{"id":55,"date":"2016-03-08T16:13:29","date_gmt":"2016-03-08T15:13:29","guid":{"rendered":"http:\/\/kunsttext.de\/kunsttext\/?p=55"},"modified":"2023-11-22T15:03:01","modified_gmt":"2023-11-22T14:03:01","slug":"sahniger-morgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kunsttext.de\/kunsttext\/sahniger-morgen\/","title":{"rendered":"Sahniger Morgen"},"content":{"rendered":"<p>Bis sp\u00e4t in den Vormittag hinein beherrscht ein gebrochenes Wei\u00df die Stadt. Es ist nicht sichtbar, aber man kann es h\u00f6ren, schmecken und riechen.<\/p>\n<p>Wenn der Himmel noch nicht blau, das Meer noch glatt und der Sand noch k\u00fchl ist, erhebt sich ein leise klimperndes Kratzen aus der Tiefe empor. Aus den Hotelk\u00fcchen, den weit ge\u00f6ffneten T\u00fcren noch menschenleerer Restaurants, den unterirdischen Sp\u00fclk\u00fcchen meldet sich die helle und doch dumpfe Sprache des groben Fr\u00fchst\u00fccksgeschirrs, wenn die rauen Gef\u00e4\u00dfb\u00f6den und Untertassen aneinanderreiben.<br \/>\nDie sch\u00fcchternen Laute des dicken, cremig-krakelierten Porzellans sind die ersten Anzeichen des beginnenden Tages. Die einen geleiten sie ohne Hast und behutsam in die Arbeit hinein. F\u00fcr die anderen sind sie ein vertrauter Gru\u00df \u2013 die letzte Gelegenheit, sich gen\u00fcsslich umzudrehen und sich des Faulenzens bewusst zu werden, oder voller Entdeckungslust aus dem Bett zu springen. Immer aber sind sie der untr\u00fcgliche Beweis, dass der Sommer begonnen hat.<\/p>\n<p>Nach und nach gesellt sich Kaffee hinzu \u2013 jedoch nicht scharf, nicht w\u00fcrzig, nicht bitter oder herb, sondern harmonisch leicht und weich. Denn er ist nie allein.<br \/>\nEs ist die Zeit der hei\u00dfen, dampfenden Milchk\u00e4hnchen. Gekocht, gesch\u00e4umt, nur auf die Schnelle ein wenig erw\u00e4rmt \u2026 Der Geruch von Milch ist allgegenw\u00e4rtig. Er erf\u00fcllt die Terrassen, Flure, Balkons, Zimmer und G\u00e4rten, verl\u00e4uft sich durch die leuchtenden Stra\u00dfen und die schattigen Parks und gelangt bis zur Strandpromenade. Er bet\u00e4ubt die Sinne, d\u00e4mpft Ger\u00e4usche, Licht und Gedanken, verschiebt Dringliches auf sp\u00e4ter. Wei\u00dfe, feuchtwarme Brotkrume und die seidige Br\u00e4une frischer Croissants entfalten ihre noch klebrige S\u00e4ure und kommen ihm zu Hilfe.<br \/>\nDie Fr\u00fchst\u00fcckszeit zieht sich hin und verschmilzt zuweilen mit dem Tag.<\/p>\n<p>Dieser sahnige Duft macht den Morgen tr\u00e4ge. W\u00e4hrend andernorts, in weiter, vergessener Ferne, der Auftakt zu einem hektischen Treiben l\u00e4ngst abgeschlossen ist, erinnert er an die Kunst der Langsamkeit, des M\u00e4\u00dfigens und des Genie\u00dfens. Er setzt die Dinge ins rechte Licht und zeigt aufs Neue, dass nichts so wichtig ist, als dass es nicht warten k\u00f6nnte. Er lenkt den Blick auf die Umgebung, auf die Sch\u00f6nheit des Augenblicks und der Betrachtung, l\u00e4dt zum Planen ein, ordnet in Ruhe die bunte Gesch\u00e4ftigkeit, verwandelt Melancholie in kostbare Erinnerungen.<\/p>\n<p>An Orten des Sommers ist die Sahnigkeit des Morgens Vorrecht und Programm \u2013 ein sch\u00fctzender Zaun um die entwaffnend gelassene Leichtigkeit des Seins.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis sp\u00e4t in den Vormittag hinein beherrscht ein gebrochenes Wei\u00df die Stadt. Es ist nicht sichtbar, aber man kann es h\u00f6ren, schmecken und riechen. 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