{"id":32,"date":"2014-10-09T12:59:26","date_gmt":"2014-10-09T10:59:26","guid":{"rendered":"http:\/\/kunsttext.de\/kunsttext\/?p=32"},"modified":"2023-11-22T14:34:41","modified_gmt":"2023-11-22T13:34:41","slug":"das-erste-rote-blatt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kunsttext.de\/kunsttext\/das-erste-rote-blatt\/","title":{"rendered":"Das erste rote Blatt"},"content":{"rendered":"<p>In s\u00fcdlicheren L\u00e4ndern l\u00f6st der Herbst nur ganz unmerklich den Sommer ab. Er bewahrt dessen fr\u00f6hliche Unbeschwertheit bis in die kalten Tage hinein, tr\u00e4gt sie fort, als w\u00fcrde er ewig w\u00e4hren. Es ist eine lebensleichte Zeit des \u00dcberflusses und des Optimismus\u2019, der Unbek\u00fcmmertheit. Das Licht strotzt vor Kraft, Natur und Mensch sind erholt und gesund, alles scheint m\u00f6glich.<br \/>\nHier im nordeurop\u00e4ischen Raum hat der Herbst eine ganz andere Qualit\u00e4t. Er ist in erster Linie Einschnitt. Hier ist es nicht der Fr\u00fchling, der von Neubeginn erz\u00e4hlt: Es ist das erste rote Blatt, wenn der September den Kampf gegen die Zeit aufgibt.<\/p>\n<p>Die Sonnenstrahlen fallen noch hei\u00df und hell auf die Knospen der Kapuzinerkresse, die unbeirrt bl\u00fcht und w\u00e4chst. Die Morgenluft schmeckt gr\u00fcn und frisch, in den alten Kr\u00fcgen wachsen die Kornblumen weiter bestrebt und sch\u00fcchtern dem Himmel entgegen, m\u00fcde Hummeln auf Nahrungssuche brummen in den Nachmittag hinein.<br \/>\nDoch auf einmal ist das Zeichen da: das erste rote Blatt. Mit ihm wird das Licht blasser, ruhiger, gelassener und gleichg\u00fcltiger, der Tau aufdringlicher und w\u00fcrziger. Die letzten sch\u00f6nen Tage werden hastig genutzt, gierig aufgesogen, dankbar festgehalten. Aber ernst genommen werden sie nicht mehr, denn in Gedanken hat man sie schon l\u00e4ngst verlassen. Unruhig wandert der Geist wie auf Abwegen bereits zu den ernsten Dingen, und nach den faulen Tagen angestrengter Hitze und entspannenden \u00dcberschwangs f\u00fchrt rege Betriebsamkeit in eine neue Dimension. Gartenm\u00f6bel werden ins sichere Trockene gebracht, Ger\u00e4tschaften gepflegt und einger\u00e4umt, die letzten Arbeiten am Haus gewissenhaft durchgef\u00fchrt, einmal noch werden die Fenster geputzt, der Hof gekehrt, ein letztes Mal werden B\u00e4ume gestutzt \u2026 Der Abend ist feuchter, warnend, er riecht nach Farn und Pilz.<\/p>\n<p>Mit dem ersten roten Blatt, das in w\u00e4rmeren Regionen v\u00f6llig unbemerkt bliebe, wird hier das Verst\u00e4ndnis der Jahreszeiten auf einmal urspr\u00fcnglicher, nat\u00fcrlicher, und der Mensch kommt der Erdgeschichte und seiner eigenen wieder n\u00e4her. Jahrtausendealte \u00c4ngste treten aus dem Erbe des kollektiven Bewusstseins heraus, und obwohl sie dank Technik und Fortschritt in Wirklichkeit keine G\u00fcltigkeit mehr haben, mahnen sie wortlos und instinktiv zu Demut und Vorsicht. Die Party ist vorbei, gesch\u00e4ftig wird aufger\u00e4umt, ges\u00e4ubert, das Leben wird zur\u00fcckgesetzt, abseits des sommerlichen Leichtsinns, des Hochgef\u00fchls und des Hochmuts kehren Vernunft und Alltag ein. Unwillk\u00fcrlich denkt man an Rilke.<br \/>\nAnimistisch wird mit der Natur verhandelt \u2013 Blumenzwiebeln finden den Weg in die noch lauwarme Erde, Ordentlichkeit und Pflichtbewusstsein werden mit beinah religi\u00f6s-abergl\u00e4ubischem Eifer als Tribut und Pfand eingesetzt.<\/p>\n<p>Auch in Zeiten schneefreier Winter hat sich hier im Norden nichts daran ge\u00e4ndert. Es beginnt mit dem ersten roten Blatt die Zeit des nerv\u00f6sen Aufbruchs.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In s\u00fcdlicheren L\u00e4ndern l\u00f6st der Herbst nur ganz unmerklich den Sommer ab. Er bewahrt dessen fr\u00f6hliche Unbeschwertheit bis in die kalten Tage hinein, tr\u00e4gt sie fort, als w\u00fcrde er ewig w\u00e4hren. Es ist eine lebensleichte Zeit des \u00dcberflusses und des Optimismus\u2019, der Unbek\u00fcmmertheit. 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