{"id":125,"date":"2023-09-21T15:54:58","date_gmt":"2023-09-21T13:54:58","guid":{"rendered":"http:\/\/kunsttext.de\/kunsttext\/?p=125"},"modified":"2024-05-02T17:34:13","modified_gmt":"2024-05-02T15:34:13","slug":"der-geruch-der-saison","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kunsttext.de\/kunsttext\/der-geruch-der-saison\/","title":{"rendered":"Der Geruch der Saison"},"content":{"rendered":"<p>Es ist schwer zu sagen, welche Zutat f\u00fcr den unverwechselbaren Geruch, der an Orten des Sommers jeden Tag, von den mittleren Morgenstunden bis in den sp\u00e4ten Abend, die Stadt erf\u00fcllt und begleitet, die gr\u00f6\u00dfte Rolle spielt. Sobald die geographische Grenze \u00fcberschritten ist, die den Norden vom S\u00fcden trennt, ist er allgegenw\u00e4rtig: Am Stra\u00dfenrand der langen Autofahrten, die zum ersehnten Ziel f\u00fchren werden, an den kleinen improvisierten Haltepunkten der Bergserpentinen und ihren nicht immer ganz legalen Verkaufsst\u00e4nden, auf Marktpl\u00e4tzen, an den Stammtischen der Fernfahrerlokale, an Tankstellen, an den Strandbuden und Restaurant-Terrassen gehen Kartoffeln, Salz und \u00d6l hier eine olfaktorische Verbindung ein, die nirgends sonst so lebendig ist.<br \/>\nEs scheint, als seien Pommes frites \u00fcberall und zu allen Stunden da. Manch einer macht sich ein Spiel daraus, die zahllosen Aush\u00e4nge zu z\u00e4hlen, die sie so unerm\u00fcdlich wie unn\u00f6tig feilbieten.<br \/>\nIn dieser Allianz aus Kartoffeln und Frittierfett mischen sich zuweilen Rosmarin, hie und da noch andere Kr\u00e4uter. Hierin liegt wohl der Unterschied zwischen ihrer einfachen, robust aufdringlichen und der leichtf\u00fc\u00dfigeren, qualitativ gehobeneren Version, die mitunter auch die vertraute Form verl\u00e4sst und sich in den vermeintlich edleren Mantel keilf\u00f6rmiger Mondviertel kleidet.<\/p>\n<p>Doch so oder so: Pommes frites sind das Salz und die W\u00e4hrung des Sommers, mit der sich Eltern Ruhe und Frieden, Teenager s\u00fcndige Freiheit, Autofahrer Energie f\u00fcr weitere Stunden am Steuer erkaufen und Camper die magere Urlaubskasse schonen, die Rastst\u00e4tten, Kiosken und Hotels mit geringem Aufwand und ohne jedes Risiko zu einem spielend erwirtschafteten und reichlichen Einkommen verhilft. Sie sind das, was f\u00fcr K\u00e4ufer und Verk\u00e4ufer gleicherma\u00dfen immer geht.<\/p>\n<p>Und bei alledem sind sie mehr als eine ungesunde und vernunftferne Ern\u00e4hrungsoption, mehr als eine Notl\u00f6sung. Sie versinnbildlichen geradezu, was den Sommer ausmacht. Mit ihrer handfesten Unkompliziertheit, der permanenten Pr\u00e4senz ihres penetranten Geruchs, ihrer goldenen Farbe, ihrer besteckfreien Verspieltheit schaffen sie an Orten des Sommers selbst f\u00fcr diejenigen, die sie nicht verzehren, bleibende Erinnerungen, die f\u00fcr immer das ungetr\u00fcbte Gl\u00fcck eines strahlend blauen Himmels, eine w\u00fcrzige Landschaft, das Salz auf der Haut in sich einschlie\u00dfen. Pommes frites sind an Orten des Sommers das Selbstverst\u00e4ndliche, Verbindende, Universale.<\/p>\n<p>Ihr Geruch, der die Hitze zu umh\u00fcllen scheint, kommt mit den Touristen und verschwindet mit ihnen wieder. Mancherorts wirkt seine \u00fcbergriffige Gegenwart wie eine Heimsuchung, die mit dem Einl\u00e4uten des Herbstes endlich von dannen zieht. Er verabschiedet sich erst wirklich, wenn die fremden Sprachen die Stadt verlassen haben. Doch letztlich geh\u00f6rt er hierher und dazu und kommt deshalb im n\u00e4chsten Jahr mit der Zuverl\u00e4ssigkeit der Jahreszeiten wieder. Vielleicht liegt es daran, dass hier, an Orten des Sommers, nichts zerredet und bewertet werden muss, dass hier das Einfache, das Unkomplizierte zu Hause ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist schwer zu sagen, welche Zutat f\u00fcr den unverwechselbaren Geruch, der an Orten des Sommers jeden Tag, von den mittleren Morgenstunden bis in den sp\u00e4ten Abend, die Stadt erf\u00fcllt und begleitet, die gr\u00f6\u00dfte Rolle spielt. 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