{"id":123,"date":"2023-09-07T15:54:39","date_gmt":"2023-09-07T13:54:39","guid":{"rendered":"http:\/\/kunsttext.de\/kunsttext\/?p=123"},"modified":"2023-11-22T16:13:58","modified_gmt":"2023-11-22T15:13:58","slug":"das-geschenk-des-abends","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kunsttext.de\/kunsttext\/das-geschenk-des-abends\/","title":{"rendered":"Das Geschenk des Abends"},"content":{"rendered":"<p>An Orten des Sommers geh\u00f6rt der Abend nicht mehr der Natur, sondern den Menschen.<\/p>\n<p>Er beginnt fr\u00fch, lange bevor die Sonne am Horizont verschwindet, lange bevor sich der Himmel in feurigem Orange f\u00e4rbt, lange bevor die Hitze des Tages erlischt, und endet erst mit der Dunkelheit. Schatten, Staub und Brunnen spielen nun keine Rolle mehr. Der warme pudrige Duft von Teig, der aus Pizzerien entweicht, gesellt sich zu den r\u00f6stigen Noten von gebratenem Fleisch, gegrillter Fisch und Zitrone verstr\u00f6men allenthalben anregend salzig-leichte Luft, die entspannt und l\u00e4ssig in die schon tieferen goldenen Strahlen perlt. Besteck und Gl\u00e4ser klirren diskret und unbeschwert in den weich-warmen schmalen Stra\u00dfen, die sich immer mehr f\u00fcllen. Vorbei sind die einseitigen Fluten, die am Morgen hastig und forsch Promenade und Strand eroberten. Nun ist die ruhige Zeit der kleinen Pl\u00e4tze, Winkel und Gassen gekommen, der winzigen Terrassen, die bescheiden und doch bestimmt den B\u00fcrgersteig verwandeln.<br \/>\nEs sind gl\u00fcckliche, zwanglose und leise Stunden, ein Abschluss, der das scharfe Licht und die unb\u00e4ndige F\u00fclle des Tages vergessen l\u00e4sst. Es ist nichts mehr zu tun, als sich zur\u00fcckzulehnen, zu genie\u00dfen, gepflegt zu sitzen, die Gedanken versonnen schweifen zu lassen. Langsam erholen sich K\u00f6rper und Geist, Schweigen legt sich \u00fcber Erlebnisse, die im milden Schleier angenehmer M\u00fcdigkeit bereits zu Erinnerungen verblassen.<\/p>\n<p>Ob f\u00fcr Touristen oder Einheimische \u2013 an Orten des Sommers ist der Abend ein Ziel, das nicht angestrebt werden muss, das ohne Verdienst und Gegenleistung jedem und allen geschenkt wird.<br \/>\nDie Nacht wird der Jugend vorbehalten sein, ihren Ritualen, ihren Sprachen, ihrer Musik, ihren knatternden Rollern, dem demonstrativ \u00fcberm\u00fctigen Brummen getunter Motoren.<br \/>\nDoch jetzt, da der Nachmittag sich schon verabschiedet hat und sie noch fern erscheint, ist die Stra\u00dfe der einzige Ort, an dem es sich zu sein lohnt. Pl\u00e4ne und Vergangenheit sind noch nicht morgen. In diesem magischen Raum ohne Warten und Erwartungen ist das Leben einfach nur da, frei von Sorgen und Anspr\u00fcchen, schlicht und aufrichtig, echt und \u00fcberw\u00e4ltigend gl\u00fccklich. Das gen\u00fcgt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An Orten des Sommers geh\u00f6rt der Abend nicht mehr der Natur, sondern den Menschen. Er beginnt fr\u00fch, lange bevor die Sonne am Horizont verschwindet, lange bevor sich der Himmel in feurigem Orange f\u00e4rbt, lange bevor die Hitze des Tages erlischt, und endet erst mit der Dunkelheit. 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