{"id":96,"date":"2015-04-07T17:25:09","date_gmt":"2015-04-07T15:25:09","guid":{"rendered":"https:\/\/kunsttext.de\/Blog\/?p=96"},"modified":"2023-12-05T11:26:55","modified_gmt":"2023-12-05T10:26:55","slug":"woerter-und-bilder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/woerter-und-bilder\/","title":{"rendered":"W\u00f6rter und Bilder"},"content":{"rendered":"<p>Zu den bekanntesten Seiten der Weltliteratur geh\u00f6rt zweifelsohne Romain Rollands Beschreibung seines kindlichen Verh\u00e4ltnisses zu W\u00f6rtern und den Bildern und Empfindungen, die er mit ihnen verband. Beeindruckend ist diese Erz\u00e4hlung nicht nur wegen der Pr\u00e4gnanz, mit der die Entstehung von Assoziationen in der fr\u00fchen Vorstellungswelt eines sehr jungen Menschen geschildert wird, und die jede linguistische Abhandlung zu diesem Thema in wenigen Zeilen \u00fcberfl\u00fcssig macht. Verbl\u00fcffend ist sie, weil jeder, der sich im Erwachsenenleben beruflich dem Schreiben widmet, diese Momente auf sehr \u00e4hnliche oder gar identische Weise erlebt hat und sich l\u00e4chelnd in die eigene Vergangenheit zur\u00fcckversetzt f\u00fchlt.<\/p>\n<p>Wenn auch mit dem nat\u00fcrlichen und akademischen Reifeprozess manche Aspekte dieser innigen Beziehung zum Wort sich ver\u00e4ndern m\u00f6gen, so bleibt diese Art von Freundschaft zu dem, was nun weniger Wunder denn Werkzeug wurde, bis zu einem gewissen Grad erhalten. Bestimmte W\u00f6rter werden zu Begleitern, zu einem vertrauten Zuhause, zu einem Sinnbild unserer selbst, zu einer Projizierung einer Welt, wie wir uns w\u00fcnschen, dass sie sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ein solches Wort, das ich nicht missen m\u00f6chte, weil ihm f\u00fcr mich eine unvergleichliche Sch\u00f6nheit innewohnt, ist das Wort \u201eAufzeichnungen\u201d.<\/p>\n<p>Was mir an ihm so gef\u00e4llt, ist zun\u00e4chst, dass es so reizend altmodisch ist. Nat\u00fcrlich kann man auch in Bezug auf elektronische Daten, Ton- oder Filmaufnahmen von Aufzeichnungen sprechen. Was ich aber in diesem Wort sehe, wenn ich es h\u00f6re, lese oder schreibe, ist etwas ganz anderes.<\/p>\n<p>Ich sehe die Tageb\u00fccher von Abenteurern, Naturforschern, Anthropologen, Ethnologen und Arch\u00e4ologen, die akribisch, aber auch voller Respekt, Neugier und Bewunderung die Welt nachzuzeichnen versuchten, die sie mit Staunen entdeckten.<br \/>\nIch sehe die sorgf\u00e4ltig gef\u00fchrten Chroniken von Zeitzeugen, die im Kerzenschein l\u00e4ngst vergangener Jahrhunderte ihre Feder in schmutzige Tintenf\u00e4sschen tauchten, um das f\u00fcr sich und andere festzuhalten, was ihre Gegenwart unserer Geschichte schenkte, um Erlebtes zu begreifen und zu vermitteln.<br \/>\nIch sehe all jene, die ihren vermeintlich unbedeutenden Alltag niederschrieben und unbewusst und ungewollt zu historischen Quellen wurden.<br \/>\nIch sehe die Reisenden, die uns Unbekanntes nahebrachten und unsere Tr\u00e4ume befl\u00fcgelten.<br \/>\nIch sehe Abermillionen von Seiten, wundersch\u00f6ne ruhige Handschriften, hektische Skizzen, detailreiche Zeichnungen, ein Kompendium unseres Wissens und unserer Geschichte.<\/p>\n<p>Selbst wenn die aktuelle Form der Aufzeichnung, das Blog, sich weder Papier noch Tinte als Medium ausgesucht hat, mag ich es f\u00fcr das, was es darstellt: Es setzt das Bed\u00fcrfnis des Menschen fort, zu bewahren.<\/p>\n<p>Meine Vorstellung hat ein f\u00fcr alle Mal beschlossen, in der Aufzeichnung das idyllisch-kitschige Bild eines handschriftlich gef\u00fchrten Notizbuchs zu sehen. Dieses Wort ist f\u00fcr mich deshalb so wundersch\u00f6n, weil es eine dokumentarische, differenzierte, gleicherma\u00dfen analytische und synthetische Ruhe ausstrahlt. Es verk\u00f6rpert den R\u00fcckzug, die wohlwollende Distanz, das Innehalten, die objektive und zur\u00fcckhaltende Demut, die ich als die eigentliche Aufgabe des Schreibens betrachte. Aufzeichnungen sind die \u00dcbertragung einer Momentaufnahme auf Papier. Sie sind das, was Schreiben sein sollte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu den bekanntesten Seiten der Weltliteratur geh\u00f6rt zweifelsohne Romain Rollands Beschreibung seines kindlichen Verh\u00e4ltnisses zu W\u00f6rtern und den Bildern und Empfindungen, die er mit ihnen verband. 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