{"id":88,"date":"2014-09-24T17:18:59","date_gmt":"2014-09-24T15:18:59","guid":{"rendered":"https:\/\/kunsttext.de\/Blog\/?p=88"},"modified":"2023-12-05T11:25:23","modified_gmt":"2023-12-05T10:25:23","slug":"die-sucht-nach-papier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/die-sucht-nach-papier\/","title":{"rendered":"Die Sucht nach Papier"},"content":{"rendered":"<p>Dass Schreibende ein wenig \u201eanders\u201d sind, habe ich schon als Kind gemerkt, auch wenn ich es damals sicher nicht mit diesen Worten ausgedr\u00fcckt h\u00e4tte.<br \/>\nMein Lieblingsort in der ganzen Stadt war kein Spielplatz, kein Park, kein Schwimmbad, und auch nicht das Haus meines Gro\u00dfvaters oder der Garten einer Freundin. Es war ein Buch- und Schreibwarenladen, ein altes, properes, nach Papier duftendes Gesch\u00e4ft, das nur wenige Schritte von meinem Elternhaus entfernt f\u00fcr mich den Himmel auf Erden darstellte.<\/p>\n<p>Ich habe seitdem viele Buchl\u00e4den und Schreibwarengesch\u00e4fte betreten. Etwas Vergleichbares konnte ich nie finden.<br \/>\nEs gab dort nichts, was es nicht gab, und man konnte alles bekommen, ganz gleich, wie abstrus, selten, teuer, klein, eigen oder unbekannt das Gew\u00fcnschte war\u00a0\u2013 gegebenenfalls wurde es in Windeseile am anderen Ende der Welt bestellt.<br \/>\nDas Geheimnis dieses Wunderlands, dieses 50\u00a0m\u00b2 kleinen Paradieses war eine Art Zauberformel. Das \u201eHinterzimmer\u201d bestand aus einem etwa 100\u00a0m\u00b2 gro\u00dfen und 5\u00a0m hohen Lagerraum, der bis zur Decke mit eng gesetzten stabilen, antiken Holzregalen und einem komplizierten Gef\u00fcge aus waghalsig knarzenden Leitern regelrecht vollgestopft war. Es empfahl sich, sehr schlank zu sein, um sich durch dieses merkw\u00fcrdige Labyrinth durchzuschl\u00e4ngeln. Eine weitere Besonderheit war die Stringenz, mit der Gesch\u00e4ft und Lager organisiert waren. Trotz einer beeindruckenden Warenmenge und des v\u00f6lligen Fehlens von Beschriftungen musste nie gesucht werden. Jeder Handgriff sa\u00df in Sekundenschnelle. Die Hauptzutat in diesem Zauberkessel war aber eine heute kaum vorstellbare Liebe zu Buch, Papier und Schrift. Die beiden \u00e4lteren Damen, denen das Gesch\u00e4ft geh\u00f6rte, und ihre langj\u00e4hrige Angestellte waren keine Verk\u00e4uferinnen. Sie waren gebildet, belesen, kundig und lebten mit Leidenschaft das, was sie taten. Sie hatten keinen Beruf, sondern eine Berufung. Mit ihnen konnte man stundenlang gleicherma\u00dfen \u00fcber Ibsens Dramen, den Koran, die Bindung eines Clairefontaine-Heftes, die Eigenschaften englischer Aquarellfarben, den Unterschied zwischen Parker- und Waterman-Tintenleitern oder die Herstellung von Hahnem\u00fchle-Papieren reden. Beratung war keine Serviceleistung, Fachsimpeln keine Gunst, sondern eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Es gab keine Neuerscheinung, die sie nicht gelesen hatten, und auf ihren Rat war Verlass.<\/p>\n<p>Schon als kleines Kind ging ich jeden Tag an diesem wunderbaren Ort vorbei, und er zog mich magisch an. H\u00e4tte ich damals Taschengeld bekommen, w\u00e4re es sofort und vollst\u00e4ndig in die immer perfekt gewachste Mahagoni-Schublade, die als Kasse diente, gewandert. Standen andere vor Weihnachten mit gierigen Augen vor dem Spielzeugladen oder dem S\u00fc\u00dfigkeitengesch\u00e4ft, so dr\u00fcckte ich mir die Nase an dem Schaufenster platt, in dem Romane, Bilderb\u00e4nde, F\u00fcller, Notizb\u00fccher und Schreibtischaccessoires zwischen der festlichen Dekoration gekonnt beleuchtet glitzerten.<br \/>\nIm Teenageralter besuchte ich die alten Damen fast jeden Tag. Andere hatten einen Stammplattenladen oder sogar schon eine Stammkneipe, ich hatte mein Buch- und Schreibwarengesch\u00e4ft. Ich war wohl ein wenig wie ein Comic-Hund, der jeden Morgen zuverl\u00e4ssig um dieselbe Zeit in dieselbe Metzgerei trippelt, sich von allen streicheln l\u00e4sst, und nach und nach vom Kuriosum zum Maskottchen wird. Tats\u00e4chlich wurde aus einer aus jugendlicher Sicht reichlich schrulligen Gewohnheit so etwas wie ein zweites Zuhause, ein Refugium in schwierigen Lebenssituationen, ein Lebensmittelpunkt. Ich hatte dort viele \u201eerste Male\u201d: meine ersten Schulhefte, mein erstes Buch, meine ersten Aquarellstifte, meinen ersten F\u00fcller, meinen ersten Studentenjob\u00a0\u2013 unvergessliche und wundersch\u00f6ne Augenblicke. Und meinen ersten schmerzlichen Abschied, als das Gesch\u00e4ft f\u00fcr immer schloss.<\/p>\n<p>Viele Dinge m\u00f6gen sich ge\u00e4ndert haben. Mein Bed\u00fcrfnis, mich mit B\u00fcchern und Schreibwaren zu umgeben, blieb ungebrochen. Meine Vorr\u00e4te an Bleistiften, Kugelschreibern, Tintenpatronen und \u2013gl\u00e4schen und vor allem an Notizb\u00fcchern und Schreibbl\u00f6cken sind recht beeindruckend\u00a0\u2013 je nach Gesichtspunkt auch ein wenig verr\u00fcckt. Im Falle einer wie auch immer gearteten Katastrophe h\u00e4tte ich ganz sicher nicht genug Lebensmittel im Haus, um eine Woche zu \u00fcberleben; Papier und Stifte w\u00fcrden aber f\u00fcr Jahre reichen.<br \/>\nDieser Spleen treibt seltsame Bl\u00fcten: Ob im K\u00fcchenregal, in der Handtasche, im Badezimmerschrank oder im Nachttischchen, es sind immer mindestens ein Schreibblock oder ein Notizbuch und zwei Stifte griffbereit. Im Sommer ist selbst der Balkon f\u00fcr alle F\u00e4lle ausgestattet &#8211; nicht selten findet sich im Herbst zwischen zwei nunmehr leeren T\u00f6pfen ein verwaister Bleistift.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass Schreibende ein wenig \u201eanders\u201d sind, habe ich schon als Kind gemerkt, auch wenn ich es damals sicher nicht mit diesen Worten ausgedr\u00fcckt h\u00e4tte. 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