{"id":86,"date":"2014-08-22T17:17:03","date_gmt":"2014-08-22T15:17:03","guid":{"rendered":"https:\/\/kunsttext.de\/Blog\/?p=86"},"modified":"2023-12-05T11:25:08","modified_gmt":"2023-12-05T10:25:08","slug":"ueber-die-jahrhunderte-hinweg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/ueber-die-jahrhunderte-hinweg\/","title":{"rendered":"\u00dcber die Jahrhunderte hinweg"},"content":{"rendered":"<p>Zu dem \u201eSpendenbutton\u201c auf meiner Website habe ich ein sehr freundschaftliches Verh\u00e4ltnis. Es ist nicht so, dass er mir zu Reichtum verhelfen w\u00fcrde. Aber seine Bedeutung gef\u00e4llt mir. Er symbolisiert mein Selbstverst\u00e4ndnis, das, was meine Arbeit ausmacht. Er erinnert mich sozusagen daran, was ich bin und tue. Vor allem verbindet er mich mit einer jahrhundertealten Tradition und mit dem k\u00fcnstlerischen Wesen meiner Arbeit.<br \/>\nZu allen Zeiten hatten K\u00fcnstler vier M\u00f6glichkeiten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten: Brotjobs, Lehrt\u00e4tigkeiten, Auftragsarbeiten und M\u00e4zenatentum.<br \/>\nBrotjobs\u00a0 \u2013 also Besch\u00e4ftigungen, die das Einkommen sichern sollen, aber ganz und gar kunstfremd sind, k\u00f6nnen Vor\u2011 und Nachteile haben. Sie halten Sorgen fern und somit den Geist f\u00fcr den kreativen Prozess frei. Nichtsdestotrotz sind sie ein Kompromiss, und Kompromisse sind immer faul. Sie bedeuten, dass der Drang, zu malen, zu komponieren, zu schreiben &#8230; sich nach der Uhr richten muss, womit nicht jeder zurechtkommt. Des Weiteren degradieren sie den eigenen Lebensinhalt zu einer Nebensache, zu einem Hobby\u00a0 \u2013 mit der Gefahr, dass er eines Tages wirklich dazu verkommt. Brotjobs erfordern au\u00dferdem eine eiserne Gesundheit, wenn nach einem anstrengenden 8\u2011Stunden-Tag die wirkliche Arbeit erst beginnen soll. Brotjobs sind frustrierend und auf Dauer schon deshalb keine L\u00f6sung, weil jeder irgendwann erkennt, dass er in sich den Wunsch tr\u00e4gt, sein Geld mit einer T\u00e4tigkeit zu verdienen, in der er einen Sinn sieht bzw. mit der er sich identifizieren kann. Gegen die eigene Berufung zu leben, ist mehr als nur eine Unannehmlichkeit, und es ist etwas ganz anderes, als \u201enur\u201c in einem verhassten Job festzustecken. Es hat nichts mit der Unlust zu tun, die jeden Arbeitnehmer mal befallen kann. Es ist nicht nur unerfreulich und anstrengend. Es geht um viel mehr als nur das, n\u00e4mlich um die mutwillige Verneinung der eigenen Identit\u00e4t, der eigenen Existenz. Es macht im w\u00f6rtlichsten medizinischen Sinn des Wortes krank\u00a0 \u2013 ich wei\u00df, wovon ich hier rede\u00a0 \u2013, bis man eines Tages die Kraft nicht mehr aufbringt, sich mit der L\u00fcge zu arrangieren und Stunde und Stunde gegen den eigenen K\u00f6rper und die eigene Natur zu k\u00e4mpfen. Brotjobs sind insbesondere f\u00fcr Anf\u00e4nger oder als zeitweilige Unterst\u00fctzung sehr sinnvoll, aber sie sind keine Lebensl\u00f6sung.<br \/>\nEinen Mittelweg bietet die Lehrt\u00e4tigkeit. Sie erm\u00f6glicht es, in einem thematisch nahen Umfeld zu verbleiben. Komponisten erteilen Klavierunterricht, Maler leiten Ateliers, Schreibende veranstalten Workshops. Allerdings ist diese Art des Gelderwerbs nicht viel weniger prek\u00e4r als die Kunst selbst.<br \/>\nWas K\u00fcnstlern im Laufe der Jahrhunderte wirklich immer dazu verholfen hat, von dem, was sie k\u00f6nnen, zu leben, sind Auftraggeber und M\u00e4zene. W\u00e4hrend sich in der Vergangenheit beide oft in einer Person fanden\u00a0 \u2013 dem K\u00fcnstler wurden Kost und Obdach angeboten, und er malte oder komponierte im Gegenzug im Auftrag und zum Ruhme seines G\u00f6nners\u00a0 \u2013, sind diese Funktionen heute streng getrennt. Auftraggeber sehen sich als Kunde im kaufm\u00e4nnischen Sinne und stellen keine wirkliche Verbindung zwischen sich und dem, was f\u00fcr sie geschaffen wurde, her. Der Kauf von Kunst ist f\u00fcr sie eine gesch\u00e4ftliche Transaktion mit einem konkreten Nutzen. Gleichwohl sind ihre Auftr\u00e4ge notwendiger denn je. K\u00fcnstler brauchen nicht nur das Geld. Sie brauchen das Gef\u00fchl, dass das, was sie tun, gesch\u00e4tzt, gesucht, begehrt wird. Und sie brauchen die Ausgeglichenheit des Gebens und Nehmens, der Leistung und Zahlung, die dem Wert ihrer Arbeit eine objektive, messbare Dimension verleiht.<br \/>\nDie Beweggr\u00fcnde eines heutigen M\u00e4zens wiederum k\u00f6nnen recht unterschiedlich sein. Bestenfalls beruht seine Unterst\u00fctzung auf der \u00dcberzeugung, dass Kunst frei sein muss und erhaltens\u2011 und f\u00f6rderungswert ist. Dies ist M\u00e4zenatentum alter Schule und ist nicht nur dem Einkommen des K\u00fcnstlers zutr\u00e4glich, sondern auch seinem Selbstwertgef\u00fchl. Andere m\u00f6gen darin ein eher karitatives Engagement sehen und genie\u00dfen in erster Linie das gute Gef\u00fchl, das ihnen das Schenken vermittelt. Jeder, der eine M\u00fcnze in das Kreidek\u00e4stchen eines Stra\u00dfenmalers oder den Hut einer Saxophonistin wirft und einen Moment bei seinem Bild oder ihrer Musik verweilt, erf\u00fcllt die Funktion eines M\u00e4zens\u00a0 \u2013 ebenso wie jeder, der in einem Blog auf den Spendenbutton klickt. Es ist ein Dankesch\u00f6n, eine Ermutigung.<br \/>\nAuftraggeber und M\u00e4zene sind Teil einer langen Geschichte: Sie tragen dazu bei, dass nicht nur Autos und Taschentelefone produziert werden, sondern auch der sch\u00f6pferische Prozess niemals aufh\u00f6rt, dass Dinge entstehen, die Sinne und Seele erfreuen, dass Sch\u00f6nes als Wert nicht vergessen wird. W\u00e4hrend die Beziehung zwischen dem K\u00fcnstler und seinem Auftraggeber von ihrer sachlichen Pr\u00e4gung profitiert und ggfs. auf der gleichen sachlichen Ebene beendet werden kann, ist das Verh\u00e4ltnis zu einem M\u00e4zen nat\u00fcrlich vielschichtiger und widerspr\u00fcchlicher. Es schafft f\u00fcr den K\u00fcnstler eine neue Aufgabe: Er muss sich von den Vorstellungen l\u00f6sen lernen, aus der Dankbarkeit eine freiheitshemmende Verpflichtung erwachsen zu lassen. Er muss sich vor Augen f\u00fchren, dass von dem nach der Gauklervorstellung auf dem mittelalterlichen Markt herumgereichten S\u00e4ckchen \u00fcber das Kreided\u00f6schen des Malers und dem Hut der Stra\u00dfenmusikerin eine lange Linie bis zu ihm f\u00fchrt. \u00dcber die Jahrhunderte hinweg. Und deshalb mag ich meinen Spendenbutton.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu dem \u201eSpendenbutton\u201c auf meiner Website habe ich ein sehr freundschaftliches Verh\u00e4ltnis. Es ist nicht so, dass er mir zu Reichtum verhelfen w\u00fcrde. Aber seine Bedeutung gef\u00e4llt mir. Er symbolisiert mein Selbstverst\u00e4ndnis, das, was meine Arbeit ausmacht. Er erinnert mich sozusagen daran, was ich bin und tue. Vor allem verbindet er mich mit einer jahrhundertealten Tradition und mit dem k\u00fcnstlerischen Wesen meiner Arbeit. Zu allen Zeiten hatten K\u00fcnstler vier M\u00f6glichkeiten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten: Brotjobs, Lehrt\u00e4tigkeiten, Auftragsarbeiten und M\u00e4zenatentum. 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