{"id":84,"date":"2014-08-12T17:15:11","date_gmt":"2014-08-12T15:15:11","guid":{"rendered":"https:\/\/kunsttext.de\/Blog\/?p=84"},"modified":"2023-12-05T11:24:57","modified_gmt":"2023-12-05T10:24:57","slug":"nach-dem-sturm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/nach-dem-sturm\/","title":{"rendered":"Nach dem Sturm"},"content":{"rendered":"<p>Es sind die seltsamen Zeiten, die das Schreiben vor\u00fcbergehend ver\u00e4ndern. F\u00fcr einige Stunden, Tage oder Wochen ist es nicht mehr Malerei. Es wird Erz\u00e4hlung und Chronik. Das Bed\u00fcrfnis, festzuhalten und zu bewahren, nimmt auf einmal einen anderen Charakter an. Es ist nicht mehr \u00e4sthetischer Natur. Es wird pers\u00f6nlicher, journalistischer, sozusagen \u201ehistorischer\u201c. Es wird Zeugnis. W\u00e4hrend der Alltag stillsteht, die Uhr keine Rolle mehr spielt und Pl\u00e4ne ins dumpfe und farblose Nichts der Dringlichkeit verschwinden, bem\u00e4chtigen sich die Ereignisse der Worte und Zeilen, schaffen in unseren Erinnerungen neue, ungewollte R\u00e4ume, beenden Geschichten, vernichten Biographien.<br \/>\nSo der 28. Juli in M\u00fcnster. In wenigen Stunden ver\u00e4nderten Blitze, Hagel, Regen und Wind viele Dinge. Zu viele Dinge. Noch heute ist nichts mehr, wie es war. Berge von Abfall, die sich mancherorts noch immer am Stra\u00dfenrand t\u00fcrmen, erz\u00e4hlen von Tr\u00e4nen und Not. Pr\u00e4chtige B\u00e4ume, die seit Jahrzehnten und f\u00fcr Jahrhunderte dazustehen schienen, wurden verletzt, entstellt, gef\u00e4llt. Der verschlafene Ort, der sich f\u00fcr gew\u00f6hnlich immer erfolgreich der Wirklichkeit entzieht und sich mit provinziellem Hochmut eine eigene erschafft, und der mir deshalb l\u00e4ngst verhasst ist, r\u00fcckte in den Mittelunkt der Nachrichtensendung im In- und Ausland.<br \/>\nBesorgte eMails und Anrufe erreichten uns und machten uns die Abgeschiedenheit des Krisengebiets bewusst, das wir urpl\u00f6tzlich geworden waren. Das stetige Heulen der Feuerwehrfahrzeuge elektrisierte die Luft an der Grenze zwischen Hoffnung und Entsetzen.<br \/>\nIch konnte nicht schreiben. Dazu war keine Zeit. Bodenst\u00e4ndigere Dinge waren wichtiger. Der Sturm war allgegenw\u00e4rtig und schrieb \u00fcber uns, nicht ich \u00fcber ihn. Etliche Tage sp\u00e4ter war an normale Arbeit noch immer nicht zu denken. Lediglich ein kurzer Eintrag auf Facebook und Google+ kam zustande, und er war eher Leserbrief als Chronik.<br \/>\nEs h\u00e4tte gutgetan, zumindest dokumentieren zu k\u00f6nnen, wie die Welt \u00fcber unseren K\u00f6pfen zusammenbrach, sich hinzusetzen und zu schildern, wie sich Ger\u00e4usche, Ger\u00fcche und Gewohnheiten verwandelt hatten. Es w\u00e4re ein St\u00fcck Flucht, ein St\u00fcck Geborgenheit und Sicherheit gewesen. Aber das Wasser, das durch Estrich und W\u00e4nde drang, lie\u00df diese Distanz nicht zu.<br \/>\nRuhe ist eingekehrt. Wir behaupten es jedenfalls. Ich h\u00f6rte, dass viele Menschen in der Stadt neuerdings nerv\u00f6s nach oben schauen, wenn die kleinste Wolke am Himmel zieht.<br \/>\nIch habe es besser. Ich ergehe mich in beruhigender und ausf\u00fchrlicher Korrespondenz. Ich kann mich wieder an meinem Kugelschreiber festhalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es sind die seltsamen Zeiten, die das Schreiben vor\u00fcbergehend ver\u00e4ndern. F\u00fcr einige Stunden, Tage oder Wochen ist es nicht mehr Malerei. Es wird Erz\u00e4hlung und Chronik. Das Bed\u00fcrfnis, festzuhalten und zu bewahren, nimmt auf einmal einen anderen Charakter an. Es ist nicht mehr \u00e4sthetischer Natur. Es wird pers\u00f6nlicher, journalistischer, sozusagen \u201ehistorischer\u201c. Es wird Zeugnis. W\u00e4hrend der Alltag stillsteht, die Uhr keine Rolle mehr spielt und Pl\u00e4ne ins dumpfe und farblose Nichts der Dringlichkeit verschwinden, bem\u00e4chtigen sich die Ereignisse der Worte und Zeilen, schaffen in unseren Erinnerungen neue, ungewollte R\u00e4ume, beenden Geschichten, vernichten Biographien. So der 28. Juli in M\u00fcnster. 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