{"id":82,"date":"2014-06-11T17:12:55","date_gmt":"2014-06-11T15:12:55","guid":{"rendered":"https:\/\/kunsttext.de\/Blog\/?p=82"},"modified":"2023-12-05T11:24:46","modified_gmt":"2023-12-05T10:24:46","slug":"zuhause","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/zuhause\/","title":{"rendered":"Zuhause"},"content":{"rendered":"<p>Lange Zeit hatte ich die Orte, an denen ich schrieb, nur von innen betrachtet. Idealerweise sollten sie so eingerichtet sein, wie ich es f\u00fcr richtig hielt, meinen \u00e4sthetischen Erwartungen gen\u00fcgen, und bis zu einem gewissen, weit weniger entscheidenden Grad auch praktische Aspekte erf\u00fcllen.<br \/>\nAllerdings war sowohl das eine als auch das andere kaum m\u00f6glich, denn meine Schreibpl\u00e4tze waren immer eng bemessen. Nachdem ich mein Studentenzimmer verlassen hatte \u2013 diesen Raum hatte ich geliebt, und ich verbinde heute noch meine sch\u00f6nsten Erinnerungen mit ihm \u2013, musste ich viele Kompromisse eingehen. Dreizehn Jahre lang war mein sogenanntes B\u00fcro eine winzige Ecke in einem insgesamt 12 m\u00b2 kleinen K\u00fcche-Bibliothek-Ess- und Wohnzimmer \u2013 und dies waren nicht einmal meine schlechtesten Arbeitsbedingungen. Aber ganz gleich, wie unvermeidlich ungeeignet oder \u00fcberf\u00fcllt diese Apartments waren, ich machte mir \u00fcber das Geb\u00e4ude, das sie jeweils umschloss, nie Gedanken. Bis ich vor zehn Jahren in diese R\u00e4umlichkeiten zog.<br \/>\nVon diesem Augenblick an wurde alles anders. Die Wohnung schien mit ihren 74\u00a0m\u00b2 einfach riesig und war zudem hervorragend geschnitten. Endlich konnte ich die M\u00f6bel kaufen, die ich mir immer gew\u00fcnscht hatte, endlich konnte ich mich mit Dingen umgeben, die ich liebte. Endlich konnte Ordnung herrschen, endlich kam ich an Unterlagen heran, ohne einen dreist\u00f6ckigen Stapel Umzugskartons auseinandernehmen zu m\u00fcssen. Endlich stand mein Archiv in einem Keller und bildete nicht mehr das wackelige Kopfende meines Bettes. Endlich hatten all meine B\u00fccher Platz. Und unerhoffte 4\u00a0m\u00b2 Balkon mit einem wunderbaren Blick auf einen benachbarten nat\u00fcrlichen Garten, der einen vergessen lassen konnte, dass man sich mitten in der Stadt befand, boten f\u00fcr den Sommer einen m\u00e4rchenhaften Arbeitsplatz im Freien.<br \/>\nIm Laufe der Jahre entdeckte ich, dass ein Ort des Schreibens nicht nur aus R\u00e4umen besteht und das Geb\u00e4ude selbst eine ungeahnte Bedeutung einnehmen kann. Ich erlebte Kabelbr\u00e4nde, einst\u00fcrzenden Putz und lockeres Mauerwerk, \u00dcberschwemmungen durch undichte Fenster und br\u00fcchige W\u00e4nde, instabil gewordene B\u00f6den und unsichere Stromleitungen. Ich erlebte, wie es ist, neun Monate im Jahr Tag f\u00fcr Tag am Schreibtisch zu frieren, wenn es keine noch so flei\u00dfige Heizung mit den chronisch von Rissen und Spalten durchsetzten W\u00e4nden aufzunehmen vermag. Ich erlebte, wie Erdachtes sinnlos wurde und wie ein gro\u00dfer Sessel etwa, der als Lese- und Korrekturecke fungieren sollte, bis heute wegen des trotz aller Bem\u00fchungen nicht abzustellenden Durchzugs nicht oder h\u00f6chstens an wenigen Tagen im Hochsommer genutzt werden konnte. Das Gef\u00fchl, zu Hause unter nach menschlichem Ermessen meteorologisch normalen Umst\u00e4nden gesch\u00fctzt zu sein, verschwand immer mehr, und im selben Ma\u00dfe wurde die Frage, ob diese Unsicherheit dem Schreiben eher abtr\u00e4glich ist, oder ob die \u00fcberspitzte Empfindsamkeit, die sie bedingt, eher zu neuen Texten f\u00fchrt, immer pr\u00e4senter.<br \/>\nIch wei\u00df nicht einmal, ob ich mich je wieder in irgendeinem Haus sicher f\u00fchlen k\u00f6nnte. Vielleicht habe ich diesbez\u00fcglich einfach meine Unschuld verloren. Und doch ertappe ich mich hie und da dabei, mir vorzustellen, wie es wohl w\u00e4re, mit einem Gef\u00fchl der Geborgenheit von einem warmen Zimmer heraus, dessen Fenster nicht beim kleinsten Windhauch in ihrer Verankerung beben, einen Schneesturm, einen Hagelschauer oder einen kr\u00e4ftigen Sommerregen zu beobachten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lange Zeit hatte ich die Orte, an denen ich schrieb, nur von innen betrachtet. Idealerweise sollten sie so eingerichtet sein, wie ich es f\u00fcr richtig hielt, meinen \u00e4sthetischen Erwartungen gen\u00fcgen, und bis zu einem gewissen, weit weniger entscheidenden Grad auch praktische Aspekte erf\u00fcllen. Allerdings war sowohl das eine als auch das andere kaum m\u00f6glich, denn meine Schreibpl\u00e4tze waren immer eng bemessen. Nachdem ich mein Studentenzimmer verlassen hatte \u2013 diesen Raum hatte ich geliebt, und ich verbinde heute noch meine sch\u00f6nsten Erinnerungen mit ihm \u2013, musste ich viele Kompromisse eingehen. 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