{"id":77,"date":"2012-07-11T17:04:58","date_gmt":"2012-07-11T15:04:58","guid":{"rendered":"https:\/\/kunsttext.de\/Blog\/?p=77"},"modified":"2023-12-05T11:22:46","modified_gmt":"2023-12-05T10:22:46","slug":"warum-die-jahreszeiten-fuer-kuenstler-so-wichtig-sind-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/warum-die-jahreszeiten-fuer-kuenstler-so-wichtig-sind-2\/","title":{"rendered":"Warum die Jahreszeiten f\u00fcr K\u00fcnstler so wichtig sind"},"content":{"rendered":"<p>Wer regelm\u00e4\u00dfig im Blog vorbeischaut, merkt bald, dass Eintr\u00e4ge nicht selten das Wetter und die Jahreszeiten zum Thema haben. Leicht k\u00f6nnte der Eindruck entstehen, meteorologische Beschreibungen seien mein eigentliches Bet\u00e4tigungsfeld.<\/p>\n<p>Dass solche Dinge in der Tat eine gro\u00dfe Rolle spielen, hat mit den eigenen Gesetzen des Schreibprozesses zu tun.<\/p>\n<p>Zum einen liegt es in der Natur der Sache, dass \u2013 von Recherchen abgesehen &#8211; der Vorgang des Schreibens sich mehrheitlich in den eigenen vier W\u00e4nden abspielt. Wer ernsthaft schreibt, verl\u00e4sst das Haus manchmal \u00fcber Wochen oder Monate nicht oder nur sehr wenig, d.h. nur sehr sporadisch und nur sehr kurz. Unabh\u00e4ngig davon, dass Termine manchmal einzuhalten sind und intensives Arbeiten also nicht zu vermeiden ist, ist diese Abgeschiedenheit f\u00fcr den Schreibenden der einzige Weg, den Text im Fluss zu halten, inhaltliche und stilistische Konsistenz zu erreichen, ein homogenes Werk zu erschaffen und eine von der ersten bis zur letzten Seite gleichbleibende Denk- und Schreibqualit\u00e4t zu erhalten. W\u00e4hrend es bei wissenschaftlichen Texten oder Sachb\u00fcchern durchaus sinnvoll und vorteilhaft ist, einem festen Stundenplan oder einem bestimmten t\u00e4glichen Seitenpensum zu folgen und danach die Arbeit bis zum n\u00e4chsten Tag ruhen zu lassen, ist dies etwa bei Romanen weder wirklich m\u00f6glich noch w\u00fcnschenswert. Der Text l\u00e4sst sich hier nicht b\u00e4ndigen, er muss ausbrechen und kann nicht einfach zur\u00fcckgehalten werden, er kennt keine Uhrzeiten, keinen Tag, keine Nacht. Wie ein rei\u00dfender Fluss bahnt er sich seinen Weg, notfalls mit Gewalt, und dem Schreibenden bleibt nichts anderes \u00fcbrig, als bis zur Atemlosigkeit zu schreiben. Er lebt f\u00fcr diese Zeit in einem Tunnel aus Worten, einem soliden Bau aus Gedanken, in den die Au\u00dfenwelt nicht einzudringen vermag. Das, was drau\u00dfen geschieht, reduziert sich in solchen Zeiten auf die \u00fcberschaubaren Eindr\u00fccke, die sich durchs Fenster schleichen oder \u2013 je nach Wohnsituation \u2013 in der M\u00f6glichkeit offenbaren, auf dem Balkon, der Terrasse oder im Garten zu schreiben. Diese wenigen Schnappsch\u00fcsse, die sich in solchen Phasen h\u00f6chster, ja vernichtender Konzentration aus Licht, Farben und Temperaturen ergeben, wenn die Augen f\u00fcr einen Augenblick das Papier oder den Bildschirm verlassen, ohne den Gedanken aufzugeben, oder die Umgebung unbewusst wortsuchend ertasten, sind dann der einzige Kontakt zur Au\u00dfenwelt, das einzige Entkommen in die Realit\u00e4t, die einzige Flucht aus dem zwanghaften Fieber des Schreibens. Um so wichtiger sind diese winzigen Momente der Linderung und der Normalit\u00e4t. Sie sind Arznei, Entsch\u00e4digung und Belohnung zugleich.<\/p>\n<p>Ein weiterer Grund ist der Beruf des Schreibens an sich. Schreibende, Maler, Fotografen, Innenarchitekten gehen im Grunde derselben T\u00e4tigkeit nach: Sie erfassen Bilder, Farben, ersp\u00fcren Ungesagtes, Unterschwelliges, Stimmungen und geben sie mithilfe ihres jeweiligen Mediums wieder oder erschaffen sie da, wo sie nicht vorhanden sind. Dieses Ersp\u00fcren, Erfassen, die Beobachtung nat\u00fcrlicher Dinge und menschlichenVerhaltens sind also viel wichtiger als der f\u00e4lschlicher Weise als &#8222;kreativ&#8220; bezeichnete Prozess.<br \/>\nSchon aus diesem Grund bringen Schreibende eine Art nat\u00fcrliche Wetterf\u00fchligkeit mit, eine \u00dcberempfindlichkeit f\u00fcr kleinste Ver\u00e4nderungen des Himmels, des Lichts, der Luft, der verschiedensten atmosph\u00e4rischen Ph\u00e4nomene. Sie sind nicht nur Lebensersatz in Zeiten intensiven Schaffens, sie sind auch Symptom und Material, Nahrung und Grundlage. In dem jeden Tag gleichen Umfeld des &#8222;Homeoffice&#8220;, wie es Neudeutsch hei\u00dft, ist der Wechsel der Jahreszeiten zudem eine gesundheitlich notwendige, ja \u00fcberlebenswichtige Gr\u00f6\u00dfe. Er schenkt den Rhythmus, der das Leben &#8222;nur zu Hause&#8220; strukturiert, Prekarit\u00e4t zu \u00fcberbr\u00fccken hilft und lehrt, Genuss nicht zu vergessen.<br \/>\nAus dieser Symbiose entsteht nicht zuletzt aber eine labile Abh\u00e4ngigkeit. F\u00e4llt eine Jahreszeit aus, ist der Sommer herbstlich k\u00fchl und verregnet oder der Winter unnat\u00fcrlich mild, wankt die feste Funktion des Wetters. Das Gef\u00fchl von an das Schreiben verlorenen Lebenszeiten kommt zutage und stellt Existenzentscheidungen in Frage.<\/p>\n<p>Das seltsam tiefe, innige und fragile Verh\u00e4ltnis des K\u00fcnstlers zum Wetter und die krankhaft-zwanghafte Aufmerksamkeit, die er ihm schenkt, sind mehr als eine typische &#8222;K\u00fcnstlerschrulle&#8220;. Sie sind Ausdruck all dessen, was das Schreiben ausmacht \u2013 in seiner Verbundenheit und Liebe zum Leben und zur Natur, in seiner nicht ungef\u00e4hrlichen Verwundbarkeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer regelm\u00e4\u00dfig im Blog vorbeischaut, merkt bald, dass Eintr\u00e4ge nicht selten das Wetter und die Jahreszeiten zum Thema haben. Leicht k\u00f6nnte der Eindruck entstehen, meteorologische Beschreibungen seien mein eigentliches Bet\u00e4tigungsfeld. Dass solche Dinge in der Tat eine gro\u00dfe Rolle spielen, hat mit den eigenen Gesetzen des Schreibprozesses zu tun. Zum einen liegt es in der Natur der Sache, dass \u2013 von Recherchen abgesehen &#8211; der Vorgang des Schreibens sich mehrheitlich in den eigenen vier W\u00e4nden abspielt. 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