{"id":67,"date":"2012-09-30T16:52:57","date_gmt":"2012-09-30T14:52:57","guid":{"rendered":"https:\/\/kunsttext.de\/Blog\/?p=67"},"modified":"2023-12-05T11:23:17","modified_gmt":"2023-12-05T10:23:17","slug":"der-briefkasten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/der-briefkasten\/","title":{"rendered":"Der Briefkasten"},"content":{"rendered":"<p>In fr\u00fcheren Jahren habe ich meinen Briefkasten geliebt. Er war immer liebevoll, treu und zuverl\u00e4ssig: Jeden Tag aufs Neue &#8211; au\u00dfer an den nicht zuletzt deshalb verhassten Sonntagen \u2013 war er voll, jeden Tag aufs Neue brachte er Freude in mein Leben. Er barg jede Menge Briefe aus allen m\u00f6glichen L\u00e4ndern, bunte Postkarten und gef\u00fctterte Umschl\u00e4ge mit allerlei \u00dcberraschungen. Er war mein Reiseb\u00fcro, meine W\u00e4rmespendemaschine und mein Sozialleben. Ebenso liebte ich den Briefkasten, der vor dem winzigen, nur wenige Schritte von meiner damaligen Wohnung entfernt gelegenen Postamt stand: Er verband mich mit allen Menschen, die mir etwas bedeuteten, er war der Ausgangspunkt, von dem aus meine Gedanken zu ihnen in aller Welt gefahren, geflogen oder verschifft wurden.<br \/>\nDinge \u00e4ndern sich. Das kleine Postamt gibt es nicht mehr, Freundschaften zollten Berufswahl und zu unterschiedlichen Lebenswegen Tribut und entschliefen. Nach und nach verschwand alles Private aus meinem Briefkasten, beh\u00f6rdliche Mitteilungen und paar harmlose Rechnungen teilen sich ab und zu den leer gebliebenen Raum. F\u00fcr mich geh\u00f6rt dies zu den traurigsten Erfahrungen, die das Leben und das Alter mit sich bringen.<br \/>\nHier zeigt sich auch, wie sehr sich die \u2013 mittlerweile nicht mehr ganz \u2013 neuen Medien von den alten unterscheiden. Ich habe es andernorts bereits erl\u00e4utert: eMails haben in keinerlei Hinsicht Briefcharakter. Sie wurden als rasches Kommunikations- und Informationswerkzeug konzipiert und erf\u00fcllen lediglich diese Aufgabe.<br \/>\nSelbst im privaten Bereich bleiben sie notwendigerweise oberfl\u00e4chlich und kurzlebig &#8211; wer druckt schon jeden Zweizeiler aus, um ihn zu archivieren? eMails sind immer aktuell und kommen gerade deshalb \u00fcber die eigene Aktualit\u00e4t nicht hinaus, bleiben f\u00fcr die Welt- und Literaturgeschichte wie f\u00fcr die pers\u00f6nliche auch in h\u00f6chstem Ma\u00dfe ahistorisch.<br \/>\nAuch emotional sind sie nicht in der Lage, als Surrogat zu fungieren. Das Gef\u00fchl, das eine vertraute Handschrift, die sorgf\u00e4ltig ausgew\u00e4hlte Briefmarke, die Dicke des Umschlags beim \u00d6ffnen des Briefkastent\u00fcrchens vermitteln, hat eine andere Qualit\u00e4t als das blo\u00dfe Entdecken einer bekannten Absenderadresse in der Liste des elektronischen Postfachs. Briefe sind nie selbstverst\u00e4ndlich: Sie verlangen gleicherma\u00dfen von Autor und Adressat ein gewisses Ma\u00df an Zeit, an &#8222;M\u00fche&#8220;, an Bereitschaft, das eigene Leben f\u00fcr ein paar Augenblicke zu vergessen und zur\u00fcckzustellen und sich auf den Anderen ganz und gar einzulassen. eMails bleiben nur ein Transportmittel f\u00fcr Fakten und bedeuten nur in sehr seltenen Ausnahmef\u00e4llen ein wahren, echten, tiefen und intimen Austausch. Vergleiche ich fr\u00fchere Briefe von Freunden mit ihren heutigen eMails \u2013 so sie \u00fcberhaupt noch schreiben -, erkenne ich die Person hinter den Worten kaum wieder, und das hat nichts mit der eigenen Entwicklung zu tun. Sie haben kaum noch Inhalt und aus Gespr\u00e4chen ist Belangloses geworden.<br \/>\nEs haben nicht wenige schon vor mir beschrieben und mitunter wissenschaftlich untersucht, wie sehr die Tatsache, dass mit der Hand oder mit einer Tastatur geschrieben wird, insbesondere im rein privaten und freundschaftlichen Bereich die Korrespondenz auch inhaltlich ver\u00e4ndern kann. Neurologen, Soziologen, Anthropologen und Psychologen haben sich hinreichend damit besch\u00e4ftigt. Doch ihre Erkenntnisse sind kein Trost.<br \/>\nSo bleibe ich zur\u00fcck \u2013 mit der Sehnsucht nach meinem geliebten Briefkasten.<\/p>\n<p class=\"important\"><strong>NACHTRAG:<\/strong> Zuf\u00e4llig gerade entdeckt: <a href=\"https:\/\/www.ted.com\/talks\/lakshmi_pratury_on_letter_writing.html\">https:\/\/www.ted.com\/talks\/lakshmi_pratury_on_letter_writing.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In fr\u00fcheren Jahren habe ich meinen Briefkasten geliebt. 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