{"id":61,"date":"2014-04-27T17:01:22","date_gmt":"2014-04-27T15:01:22","guid":{"rendered":"https:\/\/kunsttext.de\/Blog\/?p=61"},"modified":"2023-12-05T11:24:33","modified_gmt":"2023-12-05T10:24:33","slug":"wenn-alte-freunde-sterben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wenn-alte-freunde-sterben\/","title":{"rendered":"Wenn alte Freunde sterben"},"content":{"rendered":"<p>Freundschaften zu pflegen, ist nicht immer einfach. Im Laufe der Zeit \u00e4ndern sich Dinge, Orte und Menschen. Werte und Priorit\u00e4ten, Vergangenheit und Zukunft kollidieren zuweilen. Geschichten scheinen an Bedeutung zu verlieren, Gemeinsamkeiten verblassen. Selten und immer seltener begleiten einen Freunde wirklich ein Leben lang. Dies ist umso mehr der Fall, wenn man einen eher k\u00fcnstlerischen Beruf ergreift. Unkonventionelle Tagesabl\u00e4ufe, die egozentrische Konzentration auf f\u00fcr Au\u00dfenstehende kaum nachvollziehbare Inhalte und die kompromisslose Selbstaufgabe, die mit den paradoxen Verpflichtungen eines Freien einhergehen, sind wenig f\u00f6rderlich. Missverst\u00e4ndnisse und ausgelassene Gelegenheiten treiben in ewig fruchtbar gew\u00e4hnte B\u00f6den unmerklich aber stetig Risse, bis aus Dialog Entfremdung und schlie\u00dflich Schweigen wird. Aber auch unter herk\u00f6mmlicheren Lebensbedingungen sind\u00a0&#8211; nicht zuletzt durch die Schnell- und Kurzlebigkeit der allen Smileys zum Trotz zunehmend unpers\u00f6nlicheren Kommunikation, die uns eMails und SMS bescheren\u00a0&#8211; langj\u00e4hrige Beziehungen mehr Herausforderung denn Selbstverst\u00e4ndlichkeit.<br \/>\nSchreibende sind hier im Vorteil und haben tats\u00e4chlich gro\u00dfes Gl\u00fcck, denn sie kennen auch andere Arten von Freundschaften, die nichts ersch\u00fcttern kann und in denen sie Halt, N\u00e4he, Geborgenheit, Trost und Freude finden. Dazu z\u00e4hlt nat\u00fcrlich auf jeden Fall die innige Beziehung zur eigenen Bibliothek, aber auch manche Utensilien k\u00f6nnen zu unersetzlichen Vertrauten werden. Es kann eine <span style=\"color: #cd853f;\"><a style=\"color: #cd853f;\" href=\"https:\/\/www.belletristik-couch.de\/paul-auster-die-geschichte-meiner-schreibmaschine.html\">Schreibmaschine<\/a><\/span> sein, oder auch etwas ganz Unscheinbares.<\/p>\n<p>Meine beiden engsten Freunde bekam ich im Alter von 11 Jahren.<br \/>\nDer erste ist ein F\u00fcllfederhalter der Marke <em>Waterman<\/em> aus der &#8222;Torsade&#8220;-Reihe, die kaum jemand noch kennt und \u00fcber die selbst der Hersteller heute nur noch m\u00fcde und selbstironisch schmunzelt. Die Goldfeder passte sofort zu meiner komplizierten und eigentlich \u00fcberhaupt nicht f\u00fcllertauglichen Handschrift, der K\u00f6rper war leicht, schmal, perfekt f\u00fcr das sehr hastige Schreiben, und die sogenannten &#8222;langen&#8220; <em>Waterman<\/em>-Patronen sicherten mir trotz der begrenzten Gesamtl\u00e4nge von weniger als 12\u00a0cm einen Tintenvorrat f\u00fcr einen ganzen Tag\u00a0&#8211; ja, ich schrieb schon damals sehr viel\u00a0-. Von der ersten Sekunde an bestand zwischen uns eine einzigartige Verbindung. Er begleitete mich, wohin meine Reisen mich immer f\u00fchren mochten, schrieb Pr\u00fcfungen, lange Briefe, Romane und Sachb\u00fccher. Er bewahrte mich vor Heimweh, denn wenn er bei mir war, war ich zuhause. Im Gegenzug wachte ich \u00fcber ihn und sch\u00fctze ihn vor allen F\u00e4hrnissen. Vor einigen Jahren und trotz aller Pflege jedoch brach eines Tages das Gewinde in der Kappe ab. Es dauerte Monate, bis ich endlich jemanden finden konnte, der bereit war, zu versuchen, ihn zu retten. Mir war bewusst, dass Materialwert und Reparaturkosten in keinerlei Verh\u00e4ltnis stehen konnten, aber es war mir ganz gleich, ich konnte und wollte mir nicht vorstellen, ohne ihn sein zu m\u00fcssen. Doch dieser erste Zwischenfall war ein Warnsignal gewesen, auch wenn ich es nicht wahrhaben wollte. Kurze Zeit sp\u00e4ter begann der Tintenleiter zu lecken, die geliebte Feder kratzte, verhakte sich immer h\u00e4ufiger, bis sie gar nicht mehr schrieb. Dieser F\u00fcller mag kein besonders hochwertiges Schreibger\u00e4t gewesen sein, aber er war weit \u00fcber drei\u00dfig Jahre lang mein bester Freund. Einige Jahre sind seitdem vergangen, doch der Abschied schmerzt noch immer. Diese Freundschaft war unersetzlich, und die Leere, die er hinterlassen hat, k\u00f6nnen andere Schreibger\u00e4te nicht f\u00fcllen. Ich schreibe heute wieder mit Einwegkugelschreibern\u00a0&#8211; wie zu der Zeit, bevor es ihn gab. Er liegt nun gesch\u00fctzt in einer besonders sch\u00f6nen Schachtel\u00a0\u2026 sozusagen f\u00fcr den Rest der Ewigkeit. Und er fehlt mir. Jeden Tag. So ist es eben, wenn gute Freunde sterben.<br \/>\nEin weiterer treuer Begleiter, der ebenso lang an meiner Seite war, ist ein ganz durchschnittliches Holzlineal, das neben anstrengenden und unbequemen Trips in Reise-, Hand- und Aktentaschen einiges durchzustehen hatte. Es trug von einer unsanften Begegnung mit einer herunterfallenden Enzyklop\u00e4die, einem zu heftigen Zwiegespr\u00e4ch mit einem Rei\u00dfverschluss, einem Machtkampf mit einem Cutter und durch die ungeschickte Spielerei eines Bekannten etliche Blessuren davon, die unser langes gemeinsames Leben widerspiegeln. Je mehr Jahre vergingen, umso hartn\u00e4ckiger versuchte ich, die Tatsache zu verleugnen, dass es trotz all seinen Bem\u00fchungen seiner Aufgabe, einen ann\u00e4hernd geraden Strich zu ziehen, l\u00e4ngst nicht mehr gewachsen war, und ich es gehen lassen sollte. F\u00fcr seine letzte Ruhe wurde ein Platz gefunden, der der Sch\u00f6nheit seines mittlerweile patinierten Holzes entspricht.<\/p>\n<p>Es stimmt also doch: K\u00fcnstler denken anders, leben anders und trauern anders. Manchmal eben um einen kaputten F\u00fcller und ein abgenutztes Lineal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freundschaften zu pflegen, ist nicht immer einfach. Im Laufe der Zeit \u00e4ndern sich Dinge, Orte und Menschen. Werte und Priorit\u00e4ten, Vergangenheit und Zukunft kollidieren zuweilen. Geschichten scheinen an Bedeutung zu verlieren, Gemeinsamkeiten verblassen. Selten und immer seltener begleiten einen Freunde wirklich ein Leben lang. Dies ist umso mehr der Fall, wenn man einen eher k\u00fcnstlerischen Beruf ergreift. Unkonventionelle Tagesabl\u00e4ufe, die egozentrische Konzentration auf f\u00fcr Au\u00dfenstehende kaum nachvollziehbare Inhalte und die kompromisslose Selbstaufgabe, die mit den paradoxen Verpflichtungen eines Freien einhergehen, sind wenig f\u00f6rderlich. Missverst\u00e4ndnisse und ausgelassene Gelegenheiten treiben in ewig fruchtbar gew\u00e4hnte B\u00f6den unmerklich aber stetig Risse, bis aus Dialog&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wenn-alte-freunde-sterben\/\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">Wenn alte Freunde sterben<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[3,8,13,16],"class_list":["post-61","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kuenstleralltag","tag-alltag","tag-erinnerungen","tag-kuenstler","tag-martine-paulauskas","ratio-natural","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/61","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=61"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/61\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":165,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/61\/revisions\/165"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=61"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=61"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=61"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}