{"id":59,"date":"2010-01-15T09:40:09","date_gmt":"2010-01-15T08:40:09","guid":{"rendered":"https:\/\/kunsttext.de\/Blog\/?p=59"},"modified":"2023-12-05T11:22:19","modified_gmt":"2023-12-05T10:22:19","slug":"das-private-tagebuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/das-private-tagebuch\/","title":{"rendered":"Das private Tagebuch"},"content":{"rendered":"<p>Der Semainier zu meiner Linken ist voll davon: leere Tageb\u00fccher. Einige wurden mir geschenkt, weitere kaufe ich jedes Jahr aufs Neue, als w\u00e4re mein Vorrat schon ersch\u00f6pft oder drohe Gefahr, f\u00fcr die kommenden Monate nicht mehr zu gen\u00fcgen. Mittlerweile sind es dutzende, oft prachtvolle Hefte und B\u00fccher, einige von ihnen in Leder gebunden, die sich immer h\u00f6her auf den gl\u00e4sernen Regalb\u00f6den t\u00fcrmen.<br \/>\nEs gibt gute Gr\u00fcnde daf\u00fcr, sie nicht anzur\u00fchren. Die kostbarsten \u2013 meist Geschenke lieber Menschen, die meine Leidenschaft f\u00fcr das Schreiben kennen &#8211; sind eben das: kostbar und Geschenke lieber Menschen. Sie zu entweihen, kommt mir zwar in der Tat zuweilen in den Sinn. Ich ber\u00fchre sie, bef\u00fchle sie, der unb\u00e4ndige Schreibdrang stellt sich ein \u2026 und lege sie beinahe erschrocken und erleichtert zugleich an ihren Platz zur\u00fcck, als h\u00e4tte ich um ein Haar eine S\u00fcnde begangen. Sie sind viel zu sch\u00f6n, viel zu edel f\u00fcr meine nichtigen Gedanken, erst recht f\u00fcr meine fragw\u00fcrdige Handschrift. Und w\u00e4re der erste Schritt erst getan, g\u00e4be es ja kein Zur\u00fcck mehr, es w\u00e4re nicht wiedergutzumachen. Sie w\u00e4ren unwiederbringlich benutzt \u2013 und sie sind doch so wundersch\u00f6n in ihrer duftenden Jungfr\u00e4ulichkeit, in der Verhei\u00dfung ihrer wei\u00dfen, sinnlich weichen Seiten.<br \/>\nNeben der Furcht vor der \u00e4sthetischen Vergewaltigung der wertvollsten Exemplare spielen aber durchaus Verlust\u00e4ngste eine Rolle. Die weniger Respekt einfl\u00f6\u00dfenden Hefte k\u00f6nnten als Tage- oder Notizbuch durchaus f\u00fcr den allt\u00e4glichen Gebrauch taugen, aber es ist die Angst, sie als Material, als Potenzial, als Sicherheit nicht mehr zu haben, ein \u00e4hnliches St\u00fcck nicht mehr zu finden, die das erste Wort oder auch nur das Festlegen einer Bestimmung hemmt und zur\u00fcckh\u00e4lt.<br \/>\nManchmal kommt ein Tag der K\u00fchnheit. Resolut wird eine viel zu lange aufbewahrte Kladde, deren Papier bereits gef\u00e4hrlich altert und m\u00f6glicherweise nicht mehr lang beschrieben werden kann, rettend aus dem Schrank geholt und einem unausweichlichen Zweck zugef\u00fchrt. Nicht selten folgt auf dem Fu\u00dfe das schlechte Gewissen, etwas verbrochen zu haben, eigenn\u00fctzig und ungerechtfertigt verschwendet zu haben \u2013 tagelange Schuldgef\u00fchle sind der Preis f\u00fcr das gewagte Unterfangen.<br \/>\nErst wenn ein Heft vollst\u00e4ndig beschrieben ist, verliert sich endlich diese zu pers\u00f6nliche Beziehung, und es kann durchaus vorkommen, dass es den Weg aller Papiererzeugnisse findet, und sein Schicksal gnaden- und herzlos in die blaue Recyclingtonne f\u00fchrt, wenn es nicht mehr gebraucht wird. Papier ist gl\u00fccklicherweise geduldig.<br \/>\nEine andere Art der Selbst\u00fcberlistung besteht darin, das Buch nicht f\u00fcr mich selbst, sondern f\u00fcr andere zu verwenden, es mit Texten, Collagen und Zeichnungen zu f\u00fcllen und dann sozusagen als &#8222;Gesamtkunstwerk&#8220; und Mitbringsel zu verschenken. Dieser goldene Kompromiss f\u00fchrt die wertvollen Seiten aus ihrem Schattendasein und l\u00e4sst sich dennoch mit der Verweigerung eines selbstorientierten Genie\u00dfens vereinbaren.<br \/>\nUnd dennoch \u2013 der Semainier wird und wird nicht leer, und der tr\u00f6stende Duft aus Papier, Leder und Leim, der sich mit dem des Holzes und des Wachses vermischt, wirkt beruhigend wie ein f\u00fcr schlechte Zeiten prall gef\u00fclltes Bankkonto.<br \/>\nAber eines Tages werde ich es f\u00fchren, mein privates Tagebuch. Bestimmt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Semainier zu meiner Linken ist voll davon: leere Tageb\u00fccher. Einige wurden mir geschenkt, weitere kaufe ich jedes Jahr aufs Neue, als w\u00e4re mein Vorrat schon ersch\u00f6pft oder drohe Gefahr, f\u00fcr die kommenden Monate nicht mehr zu gen\u00fcgen. Mittlerweile sind es dutzende, oft prachtvolle Hefte und B\u00fccher, einige von ihnen in Leder gebunden, die sich immer h\u00f6her auf den gl\u00e4sernen Regalb\u00f6den t\u00fcrmen. Es gibt gute Gr\u00fcnde daf\u00fcr, sie nicht anzur\u00fchren. Die kostbarsten \u2013 meist Geschenke lieber Menschen, die meine Leidenschaft f\u00fcr das Schreiben kennen &#8211; sind eben das: kostbar und Geschenke lieber Menschen. 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