{"id":28,"date":"2008-11-24T16:10:21","date_gmt":"2008-11-24T15:10:21","guid":{"rendered":"https:\/\/kunsttext.de\/Blog\/?p=28"},"modified":"2023-12-05T11:20:56","modified_gmt":"2023-12-05T10:20:56","slug":"november","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/november\/","title":{"rendered":"November"},"content":{"rendered":"<p>Es ist seltsam \u2013 wenn die Kraniche kreischend \u00fcber unsere K\u00f6pfe gen S\u00fcden ziehen, ist es, so lange ich zur\u00fcckdenken kann, immer Samstag. Ein merkw\u00fcrdiger Zufall. Fast zwei Wochen ist es nun her. Ihre Schreie lockten mich vom Schreibtisch, einige Minuten stand ich auf dem Balkon und sah ihnen nach. Erst als der allerletzte verschwunden war, und ich mich anschickte, wieder an den Schreibtisch zu gehen, merkte ich, dass ich l\u00e4chelte.<br \/>\nJedes Jahr aufs Neue ber\u00fchrt mich das lautstarke Spektakel zutiefst. Es ist ein magischer Moment, immer wieder. Ich kann mich daran nicht satt sehen, nicht satt h\u00f6ren. Sie sind wundersch\u00f6n. So sch\u00f6n, dass ich zuweilen vergesse, ihre Warnung ernst zu nehmen. F\u00fcr kurze Zeit steht die Welt still. F\u00fcr kurze Zeit ist alles so, wie es sein sollte.<br \/>\nAls ich sie letztes Jahr beobachtete, war ich auf der Stra\u00dfe, mitten in unserem Viertel. Gesch\u00e4ftig wurden um mich herum Kofferr\u00e4ume mit Eink\u00e4ufen gef\u00fcllt, T\u00fcten verstaut, Kinder auf Sitze geschnallt, geblinkt, gefahren, geparkt. Niemand schien sie zu h\u00f6ren, niemand hielt inne, niemand schaute zu ihnen hoch, niemand hatte Zeit f\u00fcr sie \u00fcbrig. Und die Kraniche taten mir leid. Tagelang hallten ihre Schreie in meinem Ohr, und ich war w\u00fctend, traurig, angeekelt, dass sie niemand beachtet hatte. Als sie uns diesmal verlie\u00dfen, war ich froh, ganz alleine auf meinem Balkon zu sein und nicht mit ansehen zu m\u00fcssen, wie sie ignoriert wurden.<br \/>\nDrei Tage sp\u00e4ter taten es ihnen die G\u00e4nse nach. Es waren nur sehr wenige, so schien mir, die ihre Eins in den Himmel malten.<\/p>\n<p>Die Rosen bl\u00fchten weiter in den benachbarten G\u00e4rten, noch gr\u00fcnes Laub hing an den B\u00e4umen \u2013 ein trauriger Anblick, wenn die Natur den Herbst vergisst. Das beharrliche Fernbleiben des ersten Frostes, der stete Regen, die anachronistischen Knospen der Kapuzinerkresse waren viel deprimierender als die schwarzen Gestalten kahler \u00c4ste an einem wei\u00dflich-st\u00fcrmischen Tag. Aus Nostalgie wird existenzielle Angst, \u00fcber die die Bequemlichkeit nicht hinwegzutr\u00f6sten vermag. Mit erschreckender Deutlichkeit machen harmlose Gew\u00e4chse den Countdown regelrecht sp\u00fcrbar. Wie die Kraniche wird er \u00fcberh\u00f6rt \u2013 Bekannte erz\u00e4hlten selbstzufrieden, wie angenehm es drau\u00dfen sei. Unter dem Vorwand eines dringenden Termins brach ich das Gespr\u00e4ch entschuldigend ab und vermied es so, allzu spontane Bemerkungen \u00fcber ihren IQ oder ihre Hirnleistung fallen zu lassen, von denen ich wei\u00df, dass ich sie nicht h\u00e4tte zur\u00fcckhalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich war so damit besch\u00e4ftigt, die Natur zu bedauern, dass ich die Botschaft der Kraniche vergessen hatte. Nun stand der erste Wintereinbruch vor der T\u00fcr, und in das nerv\u00f6se Warten auf Sturm und Schnee mischte sich elektrisierte Erleichterung. Ein St\u00fcckchen Normalit\u00e4t an einem tr\u00fcben Novembertag. Ein St\u00fcckchen Vers\u00f6hnung, ein St\u00fcckchen Illusion.<\/p>\n<p>Erste zaghafte Flocken am fr\u00fchen Mittag versuchten, den Meteorologen recht zu geben. Dann verloren sie sich wieder in den Regen. Falscher Alarm, der eine gespannte Atmosph\u00e4re hinterlie\u00df. Das Haus schien stiller als sonst. Immer wieder schweifte der Blick zum Fenster ab. Gegen 17 Uhr piepsten die Amseln aufgeregt in die Dunkelheit, doch der angek\u00fcndigte Sturm blieb aus. \u00dcber Nacht fielen nur wenige Flocken. Nur ganz wenige. Ich ging wieder an meine Arbeit.<\/p>\n<p>Die Anspannung aber blieb. Das Gef\u00fchl hatte nicht get\u00e4uscht. Am sp\u00e4ten Abend des \u00fcbern\u00e4chsten Tages setzten starke Schneef\u00e4lle ein, die Stadt wachte wei\u00df, strahlend und aufgeregt auf. Und ich dachte dankbar an die Kraniche.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist seltsam \u2013 wenn die Kraniche kreischend \u00fcber unsere K\u00f6pfe gen S\u00fcden ziehen, ist es, so lange ich zur\u00fcckdenken kann, immer Samstag. Ein merkw\u00fcrdiger Zufall. Fast zwei Wochen ist es nun her. Ihre Schreie lockten mich vom Schreibtisch, einige Minuten stand ich auf dem Balkon und sah ihnen nach. Erst als der allerletzte verschwunden war, und ich mich anschickte, wieder an den Schreibtisch zu gehen, merkte ich, dass ich l\u00e4chelte. Jedes Jahr aufs Neue ber\u00fchrt mich das lautstarke Spektakel zutiefst. Es ist ein magischer Moment, immer wieder. Ich kann mich daran nicht satt sehen, nicht satt h\u00f6ren. 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