{"id":26,"date":"2008-11-19T16:08:59","date_gmt":"2008-11-19T15:08:59","guid":{"rendered":"https:\/\/kunsttext.de\/Blog\/?p=26"},"modified":"2023-12-05T11:20:17","modified_gmt":"2023-12-05T10:20:17","slug":"der-erste-schritt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/der-erste-schritt\/","title":{"rendered":"Der erste Schritt"},"content":{"rendered":"<p>Ich kann nicht sagen, wie es anderen geht, aber ich gebe nicht gerne zu, dass ich schreibe.<\/p>\n<p>Vielleicht liegt es daran, dass ich nie geglaubt habe, dass irgendjemand auf diesem Planeten auf meine Texte wartet. Ich mache mir \u00fcber das, was ich schreibe, keine Illusionen. Wenn ich Maler w\u00e4re, w\u00fcrde ich ganz sicher nicht zu denjenigen geh\u00f6ren, die mit der Mappe unter dem Arm von Galerie zu Galerie gehen und sich am Abend nach etlichen Stunden erfolglosen Antichambrierens dar\u00fcber \u00e4rgern, dass ihr offensichtliches Talent nicht verstanden oder angemessen gew\u00fcrdigt wird. Ich schreibe, seit ich zur\u00fcckdenken kann \u2013 genauer gesagt: seit ich lesen kann. Ich betrachte es nicht als besondere Leistung. Ich w\u00fcsste nicht, weshalb ich stolz darauf sein sollte. Ich kann schlie\u00dflich einfach nicht anders, es ist nicht mein Verdienst. Ist es ein Bed\u00fcrfnis? Gar eine Sucht? Es mag alles sein, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass mich die klischeehafte Frage je besch\u00e4ftigt oder interessiert h\u00e4tte. Ich schreibe, weil es f\u00fcr mich das Nat\u00fcrlichste auf der Welt ist. Es ist nichts dabei.<\/p>\n<p>Zu erz\u00e4hlen, dass ich schreibe, empfinde ich dagegen bei weitem nicht als so selbstverst\u00e4ndlich. Bevor ich dieses Blog er\u00f6ffnete, wussten nur sehr enge Freunde, womit ich t\u00e4glich so viele Stunden am Schreibtisch verbringe. Und selbst heute f\u00e4llt mir der erste Schritt, das erste Gest\u00e4ndnis, noch immer sehr schwer.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise hat dies ein wenig mit der Art zu tun, wie Schreibende in unserer Gesellschaft betrachtet werden.<br \/>\nIn der Vorstellung der meisten ist Schreiben ohnehin nur ein Hobby: wie Kurse an der Volkshochschule, T\u00f6pfern in der Toskana oder Briefmarkensammeln. Das Schreiben hat einfach kein gutes Image. Von einem Stellenwert ist nicht einmal zu reden. Ernst zu nehmen ist es nicht \u2013 schreiben doch Rockstars der Reihe nach ihre Memoiren und Pop-Sternchen Kinderb\u00fccher zuhauf. Wer nichts Besseres kann, sich langweilt oder sich profilieren will oder muss, schreibt einfach irgendetwas. Schreiben ist peinlich.<br \/>\nAu\u00dferdem ist Schreiben nat\u00fcrlich unseri\u00f6s. Es ist ganz sicher keine T\u00e4tigkeit, von der ein Vermieter h\u00f6ren m\u00f6chte, dass sein Mieter sie hauptberuflich aus\u00fcbt, und bei einem Vorstellungsgespr\u00e4ch f\u00fcr eine neue Wohnung empfiehlt es sich, die Fakten zumindest so gut zu umschreiben wie nur m\u00f6glich, ja sich in eigener Sache geradezu um den Verstand zu texten, bis man einen einigerma\u00dfen akzeptablen Eindruck macht.<br \/>\nParadoxerweise kann Schreiben umgekehrt auch die unerkl\u00e4rlichste, heftigste, unreflektierteste und unbegr\u00fcndeteste Bewunderung ausl\u00f6sen. Pl\u00f6tzlich schauen einen gro\u00dfe Augen an, als h\u00e4tten sie den Weihnachtsmann oder Brad Pitt pers\u00f6nlich gesehen, Gesichter erstarren in Ehrfurcht, wie sie es sonst h\u00f6chstens vor der Queen tun w\u00fcrden, unverhohlene voyeuristische Neugier \u00fcbt sich in enth\u00fcllungsgierigen Blicken, die einen verbl\u00fcfft und verunsichert zur\u00fccklassen, und unwillk\u00fcrlich ertappt sich der Schreibende dabei, wie er mit abwehrenden Handbewegungen und mit der ganzen Kraft zur\u00fcckrudernd, die seine nicht immer gest\u00e4hlten \u00c4rmchen hergeben, verlegen zu stammeln versucht, dass es nichts Besonderes ist und man das alles nicht \u00fcberbewerten sollte. Um die Dinge auf ein realistisches Ma\u00df zur\u00fcckzubringen, bleibt ihm oft nichts anderes \u00fcbrig, als das eigene Tun in der Tat als unbedeutende Freizeitbesch\u00e4ftigung darzustellen.<\/p>\n<p>Die Wahrheit mag dazwischen liegen. Ich m\u00f6chte es ehrlich gesagt gar nicht wissen.<br \/>\nWenn ich aus irgendeinem Grund zugeben muss, dass ich schreibe, oder schlimmer noch unvermittelt darauf angesprochen werde, suche ich zuallererst in Gedanken nach dem sprichw\u00f6rtlichen Loch im Boden, das sich bitte auftun m\u00f6ge, um mich zu verschlingen. Ein Blitzschlag aus heiterem Himmel, der f\u00fcr Ablenkung sorgen k\u00f6nnte, w\u00e4re auch schon sehr hilfreich. Auf jeden Fall habe ich immer das aufrichtige Bed\u00fcrfnis, mich in irgendeiner Form f\u00fcr das zu entschuldigen, was ich tue.<br \/>\nG\u00e4nzlich aus der Bahn wirft mich die Frage: &#8222;Ach, Sie sind also Schriftstellerin?&#8220; In diesem Fall bleibt nur eine einzige Rettung: Es gilt nun, die Aufmerksamkeit auf einen vorbeifliegenden Vogel, ein nicht vorhandenes seltsames Ger\u00e4usch oder ein beliebiges erfundenes Ereignis zu lenken, bis die Frage vergessen wird oder sich eine M\u00f6glichkeit ergeben hat, den Tatort unauff\u00e4llig zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen.<\/p>\n<p>In der Intimit\u00e4t der eigenen vier W\u00e4nde, in dem vertrauten Raum zwischen Papier und Stift, zwischen Hand und Tastatur, gibt es nichts Einfacheres, Selbstverst\u00e4ndlicheres und Erf\u00fcllenderes als das Schreiben. In der \u00d6ffentlichkeit ist es ein wenig anders. Mitunter f\u00e4llt es leichter, sich ganz und gar als Versager zu positionieren, der hie und da &#8222;nur so&#8220; ein bisschen von allem tut und relativ ziellos herumjobbt. Das ist schlie\u00dflich etwas, was jeder kennt, weniger ungew\u00f6hnlich anmutet und h\u00f6chstens mit einem beil\u00e4ufigen Schulterzucken quittiert wird.<\/p>\n<p>Letztlich ist es aber immer am sch\u00f6nsten, wenn ich gar nicht erst gestehen muss.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich kann nicht sagen, wie es anderen geht, aber ich gebe nicht gerne zu, dass ich schreibe. Vielleicht liegt es daran, dass ich nie geglaubt habe, dass irgendjemand auf diesem Planeten auf meine Texte wartet. Ich mache mir \u00fcber das, was ich schreibe, keine Illusionen. 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