{"id":198,"date":"2025-10-27T10:54:25","date_gmt":"2025-10-27T09:54:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/?p=198"},"modified":"2025-11-05T13:32:36","modified_gmt":"2025-11-05T12:32:36","slug":"text-als-kunst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/text-als-kunst\/","title":{"rendered":"Text als Kunst"},"content":{"rendered":"<p>Text als Kunst zu betrachten war \u00fcber Jahrhunderte hinweg eine selbstverst\u00e4ndliche Sichtweise. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts jedoch ging diese Tradition verloren oder wurde missverstanden: Der Begriff Text-Kunst wurde auf Kalligraphie und andere Textgestaltungen und -verzierungen reduziert und die philosophische Hinterfragung von Text\u00e4sthetik \u2013 etwa durch die Arbeiten von Adorno oder K\u00e4te Hamburger \u2013 haben der Sch\u00f6nheit von Text zwar einen theoretischen und unbestritten wertvollen Rahmen verliehen, doch seine Rezeption zugleich auf Inhalte und Stil beschr\u00e4nkt.<!--more--><\/p>\n<p>Dabei ist das Lesen von Text nicht die erstm\u00f6gliche und unmittelbarste Wahrnehmung von Schriftlichem auf \u00e4sthetischer Ebene. Betrachten Menschen, die des Altakkadischen nicht m\u00e4chtig sind, Keilschrifttafeln, empfinden sie sie spontan als sch\u00f6n. Dies liegt daran, dass wir Text hier als Gegenstand wahrnehmen, wie ein Gem\u00e4lde oder eine Skulptur. Es sind die Gleichm\u00e4\u00dfigkeit und Harmonie der Schrift, die Materialoberfl\u00e4che, die zeitlose und elegante Farbe, das Spiel von Licht und Schatten, die die meisten dazu bringen, sie als sch\u00f6n, als wertvoll und somit als Kunst anzusehen. Gerade die Tatsache, dass wir sie nicht lesen k\u00f6nnen, sondern sie nur als Objekt rezipieren, erhebt sie f\u00fcr uns zur Kunst. Selbst dann, wenn wir von ihrem Inhalt erfahren und es sich zum Beispiel nur um eine Aufzeichnung von Ernteertr\u00e4gen, ein Bruchst\u00fcck eines Handelsvertrags oder\u00a0 das, was heute Buchhaltungsunterlagen entspr\u00e4che, handelt, finden wir sie weiterhin sch\u00f6n, weil die erste, spontane Wahrnehmung des Anblicks \u00fcberwiegt. Das Er-Kennen des Inhalts verleiht dem Empfinden zwar eine zus\u00e4tzliche, arch\u00e4ologische und kulturgeschichtliche Dimension, doch zeigt sich erfahrungsgem\u00e4\u00df, dass die Banalit\u00e4t es nicht vermag, die spontan-emotionale Perzeption \u2013 etwa als Entt\u00e4uschung \u2013 abzuschw\u00e4chen: Es wird entweder ausgeblendet, aufgrund der historischen Bedeutung gesch\u00e4tzt oder f\u00fchrt sogar aufgrund der Unmittelbarkeit eines so lange zur\u00fcckliegenden Alltags zu einer ger\u00fchrten \u00dcberh\u00f6hung.<br \/>\nGanz \u00e4hnlich verh\u00e4lt es sich mit alt\u00e4gyptischen Hieroglyphen: Wir sehen sie zun\u00e4chst als Kunstwerk und bleiben auch dann bei diesem Eindruck, wenn wir erfahren, welch oft trivialen Sinn diese Texte hatten.<\/p>\n<p>In der islamischen und asiatischen Welt ist Text als Kunst anders zu verstehen. Die Tatsache, dass Kalligraphie hier eine lange Tradition hat, verbindet das Optische auf andere Art und Weise mit dem Inhalt. Kalligraphiert werden nur Texte, die es aufgrund ihrer Essenz wert sind. Das, was wir heute im Westen durch die kalligraphische Umsetzung als sch\u00f6n empfinden, hatte also schon vorher einen rein \u00e4sthetischen Wert, der die Ehre einer besonderen \u00e4sthetischen Darstellung rechtfertigt.<br \/>\nDies war auch in der westlichen Kultur des Mittelalters der Fall. Nur inhaltlich sch\u00f6ne und wertvolle Texte wurden mit Buchmalereien und Schriftverzierungen kopiert. Einen Text sch\u00f6n zu gestalten und somit seine Bedeutung als Kunstwerk, seine Erhabenheit hervorzuheben, war eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, ein immanentes Verlangen, eine instinktive Zusammenf\u00fchrung von Form und Inhalt im Medium der Sch\u00f6nheit.<br \/>\nAuch der Buchdruck \u00e4nderte zun\u00e4chst wenig daran. Gebrauchstexten\u00a0 &#8211; wie z.B. die Masse an Plakaten, Flugbl\u00e4ttern und kleinen Brosch\u00fcren, die zur schnellen Verteilung und zum Einmalgebrauch bestimmt waren \u2013 wurde keine besondere Beachtung, \u00a0geschweige denn Sorgfalt zuteil, w\u00e4hrend andere B\u00fccher aus derselben Zeit uns noch durch die erlesenen Druckschriften, die wundersch\u00f6nen Papiere und ihren mitunter unersetzlichen Inhalt nicht nur interessieren und als Informationsquelle dienen, sondern f\u00fcr Bibliophile etwa ebenso Sammelwert haben, wie es eben Gem\u00e4lde und andere Kunstwerke tun. Sie sind nicht nur durch den zeitlichen Abstand zu solchen geworden, sondern auch in ihrer Entstehung als solche geplant und betrachtet worden.<\/p>\n<p>Diese Unterscheidung ist in Japan heute noch aktuell: Literatur, insbesondere Dichtung und Haikus werden nicht als Text allein, sondern als Kunst und Gesamtkunstwerk erfahren. Die Wahl von Druckschrift, Papierqualit\u00e4t, Farben, Einband ist Teil des Schreib- und Ver\u00f6ffentlichungsprozesses und erfolgt in langwierigen und wohl\u00fcberlegten Etappen in enger Zusammenarbeit zwischen Dichter und Gestaltern. Design wird hierbei nicht als \u201eRahmen\u201c oder\u00a0 \u201eMedium\u201c oder \u201ePr\u00e4sentation\u201c des Textes, nicht als \u201e\u00dcberbau\u201c oder Verzierung nachtr\u00e4glich hinzugef\u00fcgt, sondern vom Dichter selbst im Augenblick des Schreibens auf philosophischer und konstituierender Ebene intendiert.<br \/>\nLiteratur-Events spiritueller Pr\u00e4gung wie das <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=mcipdNoyFac\"><em>Kyokusui-no-Utage <\/em>am Jonangu-Schrein<\/a> in Kyoto sind ein deutlicher Ausdruck dieser uneingeschr\u00e4nkt k\u00fcnstlerischen Sicht von Text.<br \/>\n\u00c4hnlich zu bewerten \u2013 auch wenn sie nicht prim\u00e4r als Kunst entstand \u2013 ist Tanya Shadricks <a href=\"https:\/\/www.bbc.co.uk\/programmes\/p068tph0\/p068tp82\">Schreibperformance<\/a>, die ihre <a href=\"https:\/\/tanyashadrick.com\/art\">\u00e4sthetische Suche<\/a> unausl\u00f6schlich mit ihrem Schreiben verbindet.<br \/>\nEinen ebenso faszinierenden Weg beschritt in den 2000er-Jahren das Graphikmuseum Pablo Picasso M\u00fcnster, das die Begleittexte zu einer gro\u00dfen Ausstellung auf langen Tapetenpapierbahnen drucken lie\u00df und so im Ausstellungsraum aufh\u00e4ngte, dass die selbst Teil der Werk-Installation wurden und so einen Bogen von Grafik, \u00fcber Buchkunst bis zur literarischen Vermittlung als Gesamterlebnis beschrieb. Zu erw\u00e4hnen ist an dieser Stelle nat\u00fcrlich auch <a href=\"https:\/\/www.micha-brendel.de\/portfolio\/atemzuege-schriftzuege\">Micha Brendel<\/a>.<\/p>\n<p>Kontraproduktiv in der Wahrnehmung und Akzeptanz von Text als Kunst sind m\u00f6glicherweise der Ansatz Apollinaires in seinen <em>Calligrammes<\/em> und die textlichen Inszenierungen der Surrealisten. Durch sie haben wir uns so daran gew\u00f6hnt, Text-Kunst als notwendige Verzierung aufzufassen, dass der Text selbst im Kunstbegriff kaum noch vorkommt. Das genaue Gegenteil bietet der k\u00fcrzlich verstorbene K\u00fcnstler Ben, der wiederum nicht den Text an sich, wohl aber das geschriebene Wort zum eigentlichen Inhalt von Kunst macht(e). Diese Suche nach der Sch\u00f6nheit im Wort ist Teil meines 2019 gestarteten Langzeitprojekts <a href=\"https:\/\/www.kunsttext.de\/klangfarbe\">Klang:Farbe<\/a>.<br \/>\nDen unverzierten Text an sich als Kunst zu betrachten, wagen heutzutage die wenigsten. Dabei gibt es Wege, auch au\u00dferhalb der Kalligraphie Text auf dezente Art als Kunst zu leben.<br \/>\nDie Trennlinie zwischen Textinszenierung und Textkunst ist zuweilen flie\u00dfend und unscharf. Bleibt im ersten Fall der Text im Mittelpunkt und bekommt lediglich einen Rahmen, der seine optimale Wahrnehmung und Rezeption erm\u00f6glicht, so bedeutet Textkunst, dass Text als Vorwand, als Ausgangsmaterial eines Kunstwerks verwendet wird. 2024 bekam ich zu Weihnachten dahingehend <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/DCrWKkuCB6s\">das perfekte Geschenk<\/a>.<\/p>\n<p>Durch das Internet haben wir traurigerweise beides verlernt: Im Vordergrund stehen nunmehr Informationen (oder was daf\u00fcr gehalten wird), also h\u00f6chstens das Ger\u00fcst dessen, was Text ist. Der Text selbst, ob als stilistisches \u00c4sthetikum oder in seiner optischen Inszenierung durch Fonts, Layout, Papier, ist verschwunden. Der Bildschirm hat durch seine technischen Unzul\u00e4nglichkeiten, die die Pr\u00e4zision einer beabsichtigten Wiedergabe beschneiden, und durch seine praktische Verwendung die \u00e4sthetische Wahrnehmung von Text zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte gebrochen und ihn somit auf sein Skelett reduziert. Durch diese Umstellung der Wahrnehmungsgewohnheiten ist stilistische Sch\u00f6nheit als Wesen der Kunst vergessen worden. Text \u201emuss\u201c heute entweder einen Inhalt haben (Daten und Fakten), oder eine Botschaft (journalistischer oder meinungsbildender Art, was der politischen Nutzliteratur der Franz\u00f6sischen Revolution oder des amerikanischen B\u00fcrgerkriegs nahekommt) oder eine Absicht (Romane und Lebensberichte). Andere Formen des Textes werden gar nicht gesehen, oder ver\u00e4chtlich als \u201eDichtung\u201c deklariert, was zu kurz greift und verf\u00e4lschend ist.<\/p>\n<p>Text ist dann Kunst, wenn sich das Schreiben von alledem l\u00f6st und das Wort nur der Pinsel oder die Linse ist, die ohne Eingreifen der Person Sch\u00f6nheit und Verg\u00e4nglichkeit festh\u00e4lt und bewahrt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Text als Kunst zu betrachten war \u00fcber Jahrhunderte hinweg eine selbstverst\u00e4ndliche Sichtweise. Seit der Mitte des 20. 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