{"id":118,"date":"2021-03-06T17:49:04","date_gmt":"2021-03-06T16:49:04","guid":{"rendered":"https:\/\/kunsttext.de\/Blog\/?p=118"},"modified":"2024-07-25T14:04:14","modified_gmt":"2024-07-25T12:04:14","slug":"das-fruehstueck-der-ruderer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/das-fruehstueck-der-ruderer\/","title":{"rendered":"Das Fr\u00fchst\u00fcck der Ruderer"},"content":{"rendered":"<p>Zu den Vorz\u00fcgen meiner Kindheit geh\u00f6rte, dass ich in der pr\u00e4schubladischen \u00c4ra gro\u00df werden durfte, was ich r\u00fcckblickend sehr zu sch\u00e4tzen wei\u00df. Ich bin in einfachen Verh\u00e4ltnissen aufgewachsen. Meine Urgro\u00dfeltern waren allesamt nicht Landwirte, sondern Kleinstbauern (die angemessene Bezeichnung w\u00e4re vermutlich \u201eSelbstversorger\u201c), meine Mutter hatte mit 14 Jahren die Schulbank gegen eine Schneiderlehre getauscht, mein Vater war mit 11 aus dem Familienumfeld gerissen, und ohne dass nach seinen W\u00fcnschen gefragt worden w\u00e4re, auf eine Kadettenschule geschickt worden, und war am Tage meiner Geburt, der meine bis dahin als Supermarktkassiererin arbeitende Mutter f\u00fcr den Rest ihres Lebens zur Hausfrau machte, eine Art B\u00fcrobote, was er noch einige Jahre bleiben sollte. Dass ich zur Literaturwissenschaftlerin und Kunstliebhaberin werden sollte, war alles andere als vorgezeichnet, denn ich stamme nach heutigen Ma\u00dfst\u00e4ben aus einer \u201earmen\u201c und \u201ebildungsfernen\u201c Schicht \u2013 nur wussten wir es damals nicht, weil es solche Etiketten nicht gab, und so ging ich meinen Weg, ohne mich darum zu k\u00fcmmern und ohne zu ahnen, dass ich weniger Chancen hatte als andere. Tats\u00e4chlich habe ich es nie gemerkt oder gesp\u00fcrt, und meine <span style=\"color: #cd853f;\"><a style=\"color: #cd853f;\" href=\"https:\/\/www.textloft.de\/ueber\/\"><strong>Biographie<\/strong><\/a><\/span> spricht daf\u00fcr, dass es nie so war.<\/p>\n<p>Dementsprechend war es auch nicht selbstverst\u00e4ndlich, dass ich mit Dingen der Kunst \u00fcberhaupt in Ber\u00fchrung kam. Meine Eltern besa\u00dfen keine B\u00fccher, Geld f\u00fcr Museumsbesuche w\u00e4re nicht vorhanden gewesen. Die Malerei entdeckte ich zuf\u00e4llig dank einer schokoladens\u00fcchtigen Gro\u00dffamilie aus der Nachbarschaft, deren f\u00fcnf Kinder \u00fcber Monate eifrig Sammelpunkte aus Schokoladentafel-, Kakao- und Schokoladenkeksverpackungen ausschnitten, bis sie ein kleines Sammelalbum gef\u00fcllt hatten, einschickten und das entsprechende Geschenk bekamen: Es war eine spielkartengro\u00dfe Schachtel voller K\u00e4rtchen zu allen m\u00f6glichen ber\u00fchmten Werken europ\u00e4ischer Malerei. Sie hatten kein Interesse daran, und ich bekam das wertvolle P\u00e4ckchen, mit dem ich mich gl\u00fccklich stundenlang besch\u00e4ftigte und das ich wie einen Schatz h\u00fctete. Auf der Vorderseite einer jeden Karte war das Gem\u00e4lde abgebildet, auf der R\u00fcckseite standen Titel, K\u00fcnstler, eine kurze Biographie und Genreerkl\u00e4rung.<br \/>\nIch war 6 Jahre alt, und dieses Werbegeschenk er\u00f6ffnete mir ein fantastisches und offenbar unersch\u00f6pfliches Universum, das ich nie mehr verlassen sollte.<br \/>\nWie Kinder nun einmal sind, k\u00fcmmerte ich mich kaum um ein ausgewogenes und objektives Urteil, und schnell hatte ich \u2013 ein f\u00fcr allemal, wie ich damals dachte \u2013 insgeheim entschieden, welche Maler und welche Genres ich mochte und welche nicht. Turner, de la Tour, Watteau, Sisley, Constable, Gainsborough, Le Nain, Degas, Monet, Rembrandt, Chardin, Bonnard etwa liebte ich ebenso innig wie die Stilleben der holl\u00e4ndischen Meister. C\u00e9zannes Pfirsiche gefielen mir, seine Portr\u00e4ts allerdings \u00fcberhaupt nicht, bei seinen Landschaften war ich mir nicht sicher, was ich davon halten sollte, denn seine B\u00e4ume waren in Ordnung, aber ich mochte keine Berge, und seine graue Nemesis traf bei mir auf achselzuckende Gleichg\u00fcltigkeit. Toulouse-Lautrecs Werke fand ich gruselig bis absto\u00dfend, Delacroix, Redon und Manet langweilten mich. Von Van Gogh und Picasso dachte die Unschuld meines Unwissens spontan, dass sie nicht malen konnten, und Renoirs Bilder fand ich wegen der vielen Pinkt\u00f6ne, der allgegenw\u00e4rtigen \u00dcppigkeit und der zu rosigen B\u00e4ckchen schlicht nur peinlich und kitschig.<br \/>\nEin Gem\u00e4lde jedoch faszinierte mich, und meine kindlich resolute Schwarz-Wei\u00df-Sicht der Dinge konnte sich nicht erkl\u00e4ren, wieso. Immer wieder griff ich zu der kleinen Karte: Ich konnte die Augen nicht davon lassen und konnte zugleich nicht glauben, dass das, was ich sah, wirklich von dem Mann stammen sollte, der so \u00fcbertrieben adrette M\u00e4dchen auf Schaukeln, ordin\u00e4r herausgeputzte Koketten oder G\u00e4rten voller unrealistischer Bl\u00fctenpracht dargestellt hatte. Das <strong><em>Fr\u00fchst\u00fcck der Ruderer<\/em><\/strong> zog mich immer wieder in seinen Bann. Ich wusste nicht, warum, und ich konnte nichts dagegen tun.<\/p>\n<p>Mit den Jahren, der damit unvermeidlichen Reife und mit zunehmender Bildung ver\u00e4nderte sich naturgem\u00e4\u00df mein allzu undifferenziertes Urteil, und meine Meinung zu vielen K\u00fcnstlern gewann selbstverst\u00e4ndlich schnell und deutlich an Milde und Verstand.<br \/>\nDoch sollte es noch viele weitere Jahre dauern, bis ich begriff, warum ich zu diesem Werk, dessen Thema mich nicht einmal interessierte, das ich nicht einmal wirklich sch\u00f6n fand, eine so unerkl\u00e4rliche Verbindung gesp\u00fcrt hatte. Erst vor einiger Zeit, als mir das Bild, an das ich l\u00e4nger nicht mehr gedacht hatte, anl\u00e4sslich einer Recherche zuf\u00e4llig wieder begegnete, wurde es mir auf einmal klar: Das <em><strong>Fr\u00fchst\u00fcck der Ruderer<\/strong><\/em> ist eine Momentaufnahme voller Geschichten. Es ist voller Ger\u00e4usche und voller L\u00e4rm, voller Stimmen und Dialoge, voller D\u00fcfte und Gestank, voller Hitze und Wind, voller Lachen und Streit, voller Intrigen und Neugier, voller Fragen und R\u00e4tsel. Es ist Raum, Atmosph\u00e4re \u2013 es ist Text.<\/p>\n<p>Zu den Bildern, die ich gerne besitzen w\u00fcrde, geh\u00f6rt es nach wie vor nicht. Aber heute wei\u00df ich, dass ich an dem Tag, an dem ich dieses K\u00e4rtchen in H\u00e4nden hielt, zum ersten Mal schrieb \u2013 ohne Stift, ohne Papier, ohne Worte zwar, aber ich schrieb. Was ich sp\u00fcrte, war, was mein Leben werden sollte. Daran zur\u00fcckzudenken ist nicht sch\u00f6n, nicht r\u00fchrend oder best\u00e4tigend, sondern vielmehr erschreckend. Es zeigt, wie unausweichlich Kunst bestimmen kann, was wir sind und werden, und wie wenig wir in dieser Gleichung zu sagen haben. Kunst und Schreiben habe ich mir nicht ausgesucht. Ich kann nicht anders \u2013 ob ich will oder nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu den Vorz\u00fcgen meiner Kindheit geh\u00f6rte, dass ich in der pr\u00e4schubladischen \u00c4ra gro\u00df werden durfte, was ich r\u00fcckblickend sehr zu sch\u00e4tzen wei\u00df. Ich bin in einfachen Verh\u00e4ltnissen aufgewachsen. Meine Urgro\u00dfeltern waren allesamt nicht Landwirte, sondern Kleinstbauern (die angemessene Bezeichnung w\u00e4re vermutlich \u201eSelbstversorger\u201c), meine Mutter hatte mit 14 Jahren die Schulbank gegen eine Schneiderlehre getauscht, mein Vater war mit 11 aus dem Familienumfeld gerissen, und ohne dass nach seinen W\u00fcnschen gefragt worden w\u00e4re, auf eine Kadettenschule geschickt worden, und war am Tage meiner Geburt, der meine bis dahin als Supermarktkassiererin arbeitende Mutter f\u00fcr den Rest ihres Lebens zur Hausfrau machte, eine&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/das-fruehstueck-der-ruderer\/\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">Das Fr\u00fchst\u00fcck der Ruderer<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[8,13,16],"class_list":["post-118","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kuenstlerische-textarbeit","tag-erinnerungen","tag-kuenstler","tag-martine-paulauskas","ratio-natural","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/118","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=118"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/118\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":195,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/118\/revisions\/195"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=118"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=118"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}