{"id":114,"date":"2019-04-18T17:44:04","date_gmt":"2019-04-18T15:44:04","guid":{"rendered":"https:\/\/kunsttext.de\/Blog\/?p=114"},"modified":"2023-12-05T11:29:08","modified_gmt":"2023-12-05T10:29:08","slug":"wabi-sabi-wie-ein-japanischer-ausdruck-meinen-kuenstlerischen-ansatz-erlaeutert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wabi-sabi-wie-ein-japanischer-ausdruck-meinen-kuenstlerischen-ansatz-erlaeutert\/","title":{"rendered":"Wabi Sabi \u2013 wie ein japanischer Ausdruck meinen k\u00fcnstlerischen Ansatz erl\u00e4utert"},"content":{"rendered":"<p>Bevor Missverst\u00e4ndnisse entstehen: Ich bin kein irgendgearteter Japan-Fan \u2013 ich eigne mich als \u201eFan\u201c (ganz gleich wovon oder von wem) zugegebenerma\u00dfen grunds\u00e4tzlich ohnehin recht wenig \u2013. Die japanischen Landschaften, so ich sie kenne, empfinde ich in vielen F\u00e4llen als eher trist und bedr\u00fcckend; ich wei\u00df genug von der japanischen Esskultur, um eingestehen zu m\u00fcssen, dass ich in diesem Land vermutlich verhungern m\u00fcsste; ich halte nichts von Spiritualit\u00e4t, die im japanischen Alltag als Glaube und Aberglaube eine gro\u00dfe Rolle spielt; und der so krampfhafte wie naive Versuch des Westens und insbesondere seiner weiblichen Bewohner, asiatische Medizinen, Ern\u00e4hrungs- und Sportarten unreflektiert und gerade unter dem Vorwand der Reflexion zur allgemeing\u00fcltigen Weisheit und Wahrheit, zur Rettung des Abendlandes und der eigenen Lebensf\u00fchrung erheben zu wollen, l\u00f6st in mir Fluchtreflexe und Distanzierungsinstinkte aus.<\/p>\n<p>Sehr wohl allerdings sprechen mich einige Aspekte der japanischen Alltags\u00e4sthetik und vor allen Dingen die japanische Einstellung zu Kunst, Handwerk, Kunsthandwerk und Design durchaus an, denn viele von ihnen sind ein Spiegel meiner eigenen Sicht meiner Aufgabe: Die unaufgeregte, ja nat\u00fcrliche Balance zwischen pers\u00f6nlicher Demut und h\u00f6chstem Qualit\u00e4tsanspruch, zwischen dem unerl\u00e4sslichen Streben nach Perfektion im eigenen Tun und der bedingungslosen Liebe zur Sch\u00f6nheit des Unscheinbaren in Natur und Gegenst\u00e4nden, zwischen einer bescheidenen Handwerksanschauung und einer komplex ausformulierten Werkphilosophie, zwischen einem schlichten und ruhigen, von Forschung und Suche gepr\u00e4gten Leben und der starken Treue zu Idealen und analogen Traditionen, zwischen respektvollem Bewahren und freudigem Experimentieren entspricht ganz und gar dem, was ich als Sinn der k\u00fcnstlerischen Arbeit betrachte, und dem, was ich hier in Deutschland vermisse. Diese Werte, die in Japan insbesondere in der hohen Anerkennung und in der gelebten Praxis des Kunsthandwerks ihren Ausdruck finden, sind seit jeher auch meine, auch wenn ich sie nicht zum Vorbild nahm und mir meine N\u00e4he zu ihnen erst sehr sp\u00e4t, in letzter Zeit n\u00e4mlich, und eher zuf\u00e4llig bewusst wurde.<\/p>\n<p>Die japanische Sprache ihrerseits ist f\u00fcr Menschen, die Text lieben, auch dann ein reizvolles Forschungsgebiet, wenn man sie nicht flie\u00dfend beherrscht. Sie ist vielschichtig und einfach zugleich. Eine einzelne Silbe, ein Wort k\u00f6nnen die Bedeutung eines vollst\u00e4ndigen Satzes haben und enth\u00fcllen eine zutiefst charmante, zuweilen am\u00fcsante und immer entwaffnend poetische Betrachtungsweise der einfachsten Dinge.<\/p>\n<p>\u201eWabi Sabi\u201c ist einer dieser gedichtartigen Ausdr\u00fccke, die eine ganze Welt mit und in all ihren Facetten zusammenfassen. Bis vor kurzem wusste ich nicht einmal um die Existenz dieses Begriffs, noch weniger wusste ich, dass der Westen ihn mittlerweile als Lifestyle- und Einrichtungstrend entdeckt hat und halb (und deshalb falsch) rezipiert bedauerlicherweise zum Hype des Unperfekten und zur Ausrede der Nachl\u00e4ssigkeit missbraucht.<br \/>\nTats\u00e4chlich ist \u201eWabi Sabi\u201c ein verflochtenes und mosaikartiges \u00e4sthetisches Konzept, das programmatisch dazu mahnt, das vermeintlich Unscheinbare oder Besch\u00e4digte zu (betr)achten, dessen Sch\u00f6nheit zu ergr\u00fcnden und zu ehren, und jenseits der alles \u00fcberstrahlenden Kraft des Perfekten und Neuen gerade die kleinen, alten und gebrauchten Gegenst\u00e4nde in ihrer faszinierenden Fragilit\u00e4t, ihrer bezaubernden Schlichtheit, Fl\u00fcchtigkeit, Wesentlichkeit, Verg\u00e4nglichkeit, Gebrochenheit, Zerrissenheit und Reife zu sehen, zu lieben und zu zeigen, ihren Geschichten zuzuh\u00f6ren, festzuhalten und zu erz\u00e4hlen, ja zum Gegenstand der Kunst und aller \u00c4sthetik zu machen.<br \/>\nPerfektion wird wiederum in der Betrachtung und Detailgenauigkeit erwartet, sowie in der Vielfalt und Tiefe des lang tradierten handwerklichen K\u00f6nnens, das zur zu bewahrenden Kostbarkeit erkl\u00e4rt wird.<\/p>\n<p>Es war f\u00fcr mich eine \u00dcberraschung \u2013 wie ich zugeben muss \u2013, zu entdecken, dass ich mit meinem Ansatz des Sehens und des Festhaltens der kleinen Dinge und der Zerbrechlichkeit des Augenblicks also nicht alleine dastehe.<br \/>\nDer Begriff \u201eWabi Sabi\u201c erscheint nicht auf meiner Website und ist nicht Teil meines Statements, denn es ist nicht so, dass ich mich diesem Prinzip anschlie\u00dfe oder angeschlossen h\u00e4tte: Vielmehr ist diese Einstellung f\u00fcr mich nat\u00fcrlich, mit meiner Denkart eng verwandt. Es war schon immer meine Art zu sehen und zu schreiben, und sie ist der wichtigste Antrieb meiner Arbeitsweise und meines privaten Alltags. Im Profil meines Twitter-Accounts wiederum habe ich vor wenigen Tagen die Zeile \u201eWabi Sabi Text Art\u201c hinzugef\u00fcgt, denn dieser Ausdruck eignet sich in der Konzentration der Informationen, die er liefert, ganz wunderbar f\u00fcr ein Medium, in dem alles in nur wenigen Zeichen wiedergegeben werden muss, und das sich eher der breiten Masse widmet.<\/p>\n<p>Vor allem aber geht es mir um Trost, Mut, Schaffensfreude und Selbstbild. Es tut mir gut, zu wissen, dass ich nicht einfach ein l\u00e4cherliches Relikt aus analogen Zeiten bin, dass meine Suche und meine Art von \u00c4sthetik von anderen als sinnig empfunden und geteilt wird. Es gibt mir Kraft, zu erfahren, dass K\u00fcnstler und Kunsthandwerker, wenn auch Tausende von Kilometern entfernt, unbemerkt, <a href=\"https:\/\/www.textloft.de\/dasblog\/die-sache-mit-den-bildchen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">g<\/a>esichtslos\u00a0und unpr\u00e4tenti\u00f6s, ohne Anbiederung und Kompromisse, oft ohne Website und Social Media-Profile sogar, jedoch mit aufrichtiger Passion und gr\u00f6\u00dfter Selbstverst\u00e4ndlichkeit, ihrem leisen, best\u00e4ndigen Weg und ihren \u00dcberzeugungen folgen und auf diese Weise wundersch\u00f6ne, einzigartige und unermesslich wertvolle Dinge erschaffen \u2013 und dies mit (auch wirtschaftlichem) Erfolg tun.<\/p>\n<p>\u201eWabi Sabi\u201c bedeutet f\u00fcr mich, dass es au\u00dferhalb des Landes der Ingenieure, der Technik-, KMU- und MINT-Gl\u00e4ubigkeit, au\u00dferhalb der vielen Marketingzwang-Universen, tats\u00e4chlich doch noch kleine verwunschene Welten gibt, in denen Echtes und Sch\u00f6nes einen wirklichen Stellenwert haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bevor Missverst\u00e4ndnisse entstehen: Ich bin kein irgendgearteter Japan-Fan \u2013 ich eigne mich als \u201eFan\u201c (ganz gleich wovon oder von wem) zugegebenerma\u00dfen grunds\u00e4tzlich ohnehin recht wenig \u2013. 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