{"id":106,"date":"2015-12-07T17:34:31","date_gmt":"2015-12-07T16:34:31","guid":{"rendered":"https:\/\/kunsttext.de\/Blog\/?p=106"},"modified":"2023-12-05T11:27:57","modified_gmt":"2023-12-05T10:27:57","slug":"text-als-geschenk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/text-als-geschenk\/","title":{"rendered":"Text als Geschenk"},"content":{"rendered":"<p>Dass Texte ein unvergleichlich wertvolles Geschenk sein k\u00f6nnen, wei\u00df jeder, der als Kind ein Buch bekommen hat, in das er sich verliebt hat und das er heute noch wie einen Schatz h\u00fctet. Auch die Entdeckung eines bestimmten Werks der gro\u00dfen Literatur ist oft eine unvergessliche, lebensbegleitende Bereicherung. Doch Texte k\u00f6nnen auch auf andere Weise zum Geschenk werden.<\/p>\n<p>Dies lernte ich, als ich 12 Jahre alt war.<br \/>\nC., die Tochter einer Freundin meiner Mutter, wurde 18, und da ich in unserer Familie von Kindesbeinen an f\u00fcr die private Korrespondenz aller Art zust\u00e4ndig war, schrieb ich die Gl\u00fcckwunschkarte, die sie von uns bekommen sollte. Ich mochte das M\u00e4dchen sehr, sah in ihr wohl ein wenig die gro\u00dfe Schwester, die ich nie hatte, und so fiel es mir leicht, mich in sie hineinzudenken und eine kleine Botschaft zu schreiben, die zu ihr passte, mit W\u00fcnschen, die ich von Herzen meinte.<br \/>\nAls sich eine Woche nach der gro\u00dfen Party unsere M\u00fctter wieder trafen, hie\u00df es, meine Karte habe auf C. einen unvergesslichen Eindruck gemacht, und sie sei von meinem Text absolut sprachlos und \u00fcberw\u00e4ltigt gewesen.<br \/>\nIch war zugegebenerma\u00dfen dar\u00fcber sehr verlegen und auch reichlich verwundert, denn ich wusste \u00fcberhaupt nicht, was an meinem Text so besonders gewesen sein sollte \u2013 hatte ich doch lediglich meine Gedanken an sie zu Papier gebracht. Ich verga\u00df die Angelegenheit und das aus meiner Sicht \u00fcbertrieben \u00fcberschw\u00e4ngliche Lob schnell wieder. Wenige Tage sp\u00e4ter kam C. selbst vorbei. Es war ihr deutlich anzumerken, wie tief ger\u00fchrt sie noch immer war, und dass ihr meine Worte wichtig waren und bleiben w\u00fcrden. An jenem Tag begriff ich zum ersten Mal, dass nicht nur ein Buch ein Geschenk sein kann und dass es manchmal nur weniger Zeilen bedarf, um jemandem eine wirkliche und kostbare Freude zu machen.<br \/>\nZwei Jahre sp\u00e4ter, als die Freundin meiner Mutter einer Verwandten zum 80. Geburtstag gratulieren wollte, bat sie mich, die Karte f\u00fcr sie zu schreiben. Sie gab mir Fotos von der alten Dame, erz\u00e4hlte mir von ihrer Lebensgeschichte und von dem Verh\u00e4ltnis, das die beiden verband. Es war wunderbar spannend und aufregend, auf diese Weise einen Menschen kennenzulernen, dem ich niemals begegnen w\u00fcrde, dem ich aber einen Nachmittag lang so nah sein durfte, dass ich die Zuneigung, die sich hinter der Bitte unserer Bekannten offenbarte, regelrecht sp\u00fcren konnte. Es hie\u00df, dieser kleine Text habe der Dame von allen Geschenken am meisten bedeutet. Ich bekam zum Dank eine gro\u00dfe Schachtel handgemachter Pralinen vom besten Konditor der Stadt \u2013 r\u00fcckblickend war dies also wohl mein erster bezahlter Auftrag.<br \/>\nErst als ich schon erwachsen war, durfte ich selbst erleben, wie es sich anf\u00fchlt, einen Brief zu bekommen, den man niemals wieder vergisst und der einen noch nach Jahrzehnten zu Tr\u00e4nen r\u00fchrt, ganz gleich, wie oft man ihn schon gelesen hat und wie auswendig man ihn kennt.<\/p>\n<p>Ich finde es schade, dass Menschen tats\u00e4chlich so selten daran denken, Texte zu verschenken.<br \/>\nDabei gibt es dazu so viele Gelegenheiten: Geburtstage, Hochzeiten, Geburten, Weihnachten, Einladungen, oder auch Todesf\u00e4lle k\u00f6nnen zum Beispiel Anlass sein, aber Karten und Reden sind nur ein winziger Aspekt dessen, was der Text als Geschenk sein kann.<br \/>\nEine sch\u00f6ne Idee ist es, jemandem eine eigens f\u00fcr ihn geschriebene Geschichte zu schenken. Es m\u00fcssen nicht gleich ein Roman oder Memoiren sein. Schon eine halbe Seite kann gen\u00fcgen, um einen geliebten Menschen zum L\u00e4cheln zu bringen und ihm das Gef\u00fchl zu geben, dass er in unserem Leben einen unvergleichlichen Platz innehat. Die nacherz\u00e4hlte Geschichte einer geteilten Kindheitserinnerung kann sowohl f\u00fcr ein Kind an einem wichtigen Geburtstag, als auch f\u00fcr die Eltern an Weihnachten oder am Hochzeitstag einen unermesslichen Wert annehmen. Ein Heftchen mit dem Bericht einer gemeinsamen Reise mit der besten Freundin ist mehr als nur eine kleine Aufmerksamkeit, es macht einen sch\u00f6nen Urlaub zu einem unausl\u00f6schlichen kleinen Kunstwerk, das f\u00fcr immer verbindet. Es ist auch m\u00f6glich, die beschenkte Person in eine fiktionale Handlung einzubinden, die widerspiegelt, wie andere sie sehen und sch\u00e4tzen. Texte k\u00f6nnen sogar als Verm\u00e4chtnis \u00fcber Jahre hinweg gesammelt werden, um etwa bei einer Hochzeit, oder an dem Tag, an dem der Nachwuchs zum ersten Mal in eine eigene Wohnung zieht, \u00fcberreicht zu werden. Und sie k\u00f6nnen ein materielles Geschenk ideal erg\u00e4nzen.<\/p>\n<p>Texte sind lebendig und pr\u00e4sent, und als solche die originellsten und pers\u00f6nlichsten Geschenke, die man sich vorstellen kann. Sie \u00fcberraschen und ber\u00fchren, sie sind unverg\u00e4nglich und einzigartig. Sie k\u00f6nnen uns in der Brieftasche \u00fcber Jahre hinweg begleiten, in einer Schublade zu unserem geheimsten Juwel werden, an der Wand der st\u00e4ndigen Aufmunterung dienen. Und immer, immer zeigen sie uns, was wir anderen bedeuten.<\/p>\n<p class=\"important\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass Texte ein unvergleichlich wertvolles Geschenk sein k\u00f6nnen, wei\u00df jeder, der als Kind ein Buch bekommen hat, in das er sich verliebt hat und das er heute noch wie einen Schatz h\u00fctet. Auch die Entdeckung eines bestimmten Werks der gro\u00dfen Literatur ist oft eine unvergessliche, lebensbegleitende Bereicherung. Doch Texte k\u00f6nnen auch auf andere Weise zum Geschenk werden. Dies lernte ich, als ich 12 Jahre alt war. C., die Tochter einer Freundin meiner Mutter, wurde 18, und da ich in unserer Familie von Kindesbeinen an f\u00fcr die private Korrespondenz aller Art zust\u00e4ndig war, schrieb ich die Gl\u00fcckwunschkarte, die sie von uns&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/text-als-geschenk\/\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">Text als Geschenk<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[3,8,16,9],"class_list":["post-106","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-textliebe","tag-alltag","tag-erinnerungen","tag-martine-paulauskas","tag-papier","ratio-natural","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/106","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=106"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/106\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":163,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/106\/revisions\/163"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=106"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=106"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=106"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}