{"id":103,"date":"2015-09-19T17:31:41","date_gmt":"2015-09-19T15:31:41","guid":{"rendered":"https:\/\/kunsttext.de\/Blog\/?p=103"},"modified":"2023-12-05T11:27:42","modified_gmt":"2023-12-05T10:27:42","slug":"kuenstlerische-spielarten-der-textarbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/kuenstlerische-spielarten-der-textarbeit\/","title":{"rendered":"K\u00fcnstlerische Spielarten der Textarbeit"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich auf meiner Webseite oder hier im Blog immer wieder erkl\u00e4re, dass Schreiben f\u00fcr mich die Fortsetzung der Malerei, der Bildhauerei und der Fotografie mit anderen Mitteln ist, meine ich das deutlich w\u00f6rtlicher, als die meisten sich vorstellen. Tats\u00e4chlich unterscheidet sich meine Art, zu arbeiten, nur in der Wahl des Werkzeugs.<\/p>\n<p><strong>1. Das Skizzenbuch<\/strong><br \/>\nIdeen, Augenblicke, Bilder, Eindr\u00fccke sind fl\u00fcchtig. Dinge zu notieren, die sp\u00e4ter zu einem Text f\u00fchren k\u00f6nnten oder sollen, ist eine unerl\u00e4ssliche Angewohnheit. Was in der Malerei Skizzen und Skizzenbuch sind, sind f\u00fcr mich Notizen und Notizb\u00fccher\u00a0\u2013 ganz gleich, ob es sich um etwas Sch\u00f6nes, Skurriles, Bemerkenswertes, Inspirierendes handelt, ob in Form einer kurzen Zeile, eines allgemeinen Themas, eines Titels, die sp\u00e4ter als Grundlage dienen werden, oder eines vollst\u00e4ndig ausformulierten Absatzes, der sich im unerwartetsten Moment aufdr\u00e4ngt und sich in ein Projekt einf\u00fcgt oder f\u00fcr sich allein stehen kann.<\/p>\n<p><strong>2. Alles ist Material<\/strong><br \/>\nBildende Kunst entsteht\u00a0\u2013 vom politischen Auftragsportr\u00e4t und der Historienmalerei abgesehen\u00a0\u2013 selbst in ihren abstrakten Formen meistens aus dem Wunsch heraus, bewahrend aufzuzeichnen, Sch\u00f6nheit zu zeigen, zu definieren, zu deuten, wiederzugeben und manchmal zu teilen. Gegenstand eines Werkes sind deshalb gerade oft eher kleine Allt\u00e4glichkeiten, bescheidene Schnappsch\u00fcsse gew\u00f6hnlicher Orte oder T\u00e4tigkeiten. Ausgangspunkt kann alles werden, was der K\u00fcnstler als sch\u00f6n oder interessant empfindet, was ihn fasziniert oder anr\u00fchrt.<br \/>\nWenn ich Texte in meinen Ausstellungsr\u00e4umen und Mappen\u00a0ver\u00f6ffentliche, ist der Ansatz \u00e4hnlich. Sie sind oft zun\u00e4chst eine Finger\u00fcbung, der Versuch, m\u00f6glichst getreu abzubilden, was mir gef\u00e4llt. Die Grenze zwischen Privatheit und \u00d6ffentlichkeit wird auch hier erst nach abgeschlossener Arbeit und mit einiger zeitlicher Verz\u00f6gerung \u00fcberschritten und aufgehoben. Ein Unkraut, eine leere Kaffeetasse, eine Landschaft, ein Duft, ein auf der Stra\u00dfe aufgeschnappter Satz &#8230; es gibt kaum etwas, wor\u00fcber ich nicht schreiben w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>3. Die Mappe<\/strong><br \/>\nIn einem Punkt unterscheidet sich die bildende Kunst ein wenig vom Schreiben, doch eher in Nuancen, nicht in der Sache selbst. W\u00e4hrend bildende K\u00fcnstler erst f\u00fcr sich zeichnen, entwerfen, fotografieren und daraus ihre Pr\u00e4sentationsmappen zusammenstellen, mit denen sie Galeristen, M\u00e4zene und Unternehmen zu \u00fcberzeugen hoffen, bin ich in der unangenehmen Lage, eigens \u201ef\u00fcr die Mappe\u201c, wie ich es nenne, Texte produzieren zu m\u00fcssen. In beiden F\u00e4llen ist die Notwendigkeit der Mappe unbestritten, wenn man Auftraggeber oder K\u00e4ufer finden muss. Im Bereich Text gen\u00fcgt es allerdings nicht, zu zeigen, was man gerne schreibt, oder dass man schreiben kann. Die Kunden suchen sich keine Texte in bereits fertigen Sammlungen aus, sie wollen Beweise daf\u00fcr, dass man f\u00e4hig ist, eine individuelle Arbeit zu leisten, die ihnen entspricht. Meine Mappe muss also zwar einerseits f\u00fcr meinen Schreibstil repr\u00e4sentativ sein, andererseits die W\u00fcnsche von Unternehmen antizipieren, die ich noch nicht kenne. Ist sie zu umfangreich, wird sie m\u00f6glicherweise nicht gelesen. Ist sie zu stringent, kann sie als nicht aussagekr\u00e4ftig empfunden werden. Ist sie qualitativ zu hochwertig, besteht die Gefahr, dass sie als versnobt wahrgenommen wird oder gar abschreckt. Enth\u00e4lt sie Texte in unterschiedlichen Tonlagen, die eine gewisse Bandbreite demonstrieren sollen, kann dies verunsichern und verwirren. Und hier schlie\u00dft sich der Kreis mit der bildenden Kunst: Es sind nicht notwendigerweise die Arbeiten, die der K\u00fcnstler als seine besten betrachtet, die die breiteste Zustimmung des unkundigen Publikums finden.<br \/>\n\u201eF\u00fcr die Mappe\u201c zu schreiben ist immer die Suche nach der Quadratur des Kreises, solange man nicht wei\u00df, an wen sich die Mappe konkret wenden wird.<br \/>\nBesonders verhasst ist mir\u00a0\u2013 und auch in diesem Punkt stehe ich den meisten bildenden K\u00fcnstlern sehr nahe\u00a0\u2013 vor allem die Tatsache, dass hier Selbstdarstellungsk\u00fcnste gefragt sind, die gr\u00fcndlich mit meiner Pers\u00f6nlichkeit kollidieren. Marketingarbeit f\u00fcr andere zu leisten ist eine spielend leichte Sache, sich selbst verkaufen zu m\u00fcssen dagegen eine deprimierende, anstrengende und ekelerregende Angelegenheit.<\/p>\n<p><strong>4. Auftragsarbeit<\/strong><br \/>\nIm Auftrag zu schreiben kann sehr aufregend und nicht nur im materiellen Sinne belohnend sein. Das Gef\u00fchl, in eigenem Stil etwas Sinnvolles und Schl\u00fcssiges aufzubauen, etwas Neues und Konstruktives zu gestalten, im Dialog etwas Sch\u00f6nes zu erschaffen, ist unvergleichlich. Auftragsarbeit ist nicht zuletzt eine Best\u00e4tigung, die f\u00fcr das Selbstwertgef\u00fchl eine wichtige Rolle spielt, vor allem aber bedeutet sie die Chance, sich in zwei Welten hineinzuversetzen und zwischen ihnen einen Raum zu kreieren, in dem sie sich begegnen und ihre Gemeinsamkeiten entdecken k\u00f6nnen. So ist der K\u00fcnstler die Br\u00fccke zwischen Auftraggeber und Betrachter, der Texter zwischen Unternehmen und Kunden. Im Bereich der Kunst und des Textes ist diese Art des Schaffens auch unabh\u00e4ngig vom finanziellen Aspekt auch wesentlich, weil es zu einem gesunden Perspektivenwechsel, zu mehr Distanz und zu einer permanenten Neuentdeckung der eigenen Fertigkeiten zwingt.<\/p>\n<p>Es sind also nicht nur die Betrachtungsweise, der ideelle Ansatz und die \u00e4sthetischen Werte, die Malerei, Bildhauerei und Fotografie einerseits und k\u00fcnstlerische Textarbeit andererseits miteinander verbinden. Die Arbeitssituationen sind sich in vielen Punkten sehr \u00e4hnlich, ihre Spielarten sind sogar identisch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich auf meiner Webseite oder hier im Blog immer wieder erkl\u00e4re, dass Schreiben f\u00fcr mich die Fortsetzung der Malerei, der Bildhauerei und der Fotografie mit anderen Mitteln ist, meine ich das deutlich w\u00f6rtlicher, als die meisten sich vorstellen. Tats\u00e4chlich unterscheidet sich meine Art, zu arbeiten, nur in der Wahl des Werkzeugs. 1. Das Skizzenbuch Ideen, Augenblicke, Bilder, Eindr\u00fccke sind fl\u00fcchtig. Dinge zu notieren, die sp\u00e4ter zu einem Text f\u00fchren k\u00f6nnten oder sollen, ist eine unerl\u00e4ssliche Angewohnheit. Was in der Malerei Skizzen und Skizzenbuch sind, sind f\u00fcr mich Notizen und Notizb\u00fccher\u00a0\u2013 ganz gleich, ob es sich um etwas Sch\u00f6nes, Skurriles,&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/kuenstlerische-spielarten-der-textarbeit\/\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">K\u00fcnstlerische Spielarten der Textarbeit<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[3,14,13,16,15],"class_list":["post-103","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kuenstlerische-textarbeit","tag-alltag","tag-aesthetik","tag-kuenstler","tag-martine-paulauskas","tag-projekte","ratio-natural","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=103"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":105,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/103\/revisions\/105"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=103"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=103"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=103"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}