{"id":100,"date":"2015-08-10T17:29:38","date_gmt":"2015-08-10T15:29:38","guid":{"rendered":"https:\/\/kunsttext.de\/Blog\/?p=100"},"modified":"2023-12-05T11:27:19","modified_gmt":"2023-12-05T10:27:19","slug":"schreibsommer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/schreibsommer\/","title":{"rendered":"Schreibsommer"},"content":{"rendered":"<p>Die meisten Menschen stellen sich vor, dass Schreibende vor allem in den dunkleren Jahreszeiten gerne schreiben: Unfreundliches Wetter lade ein, im Haus zu bleiben, nichts lenke ab und verf\u00fchre, nach drau\u00dfen gehen zu wollen, es gebe also nichts Besseres zu tun, als zu arbeiten.<br \/>\nF\u00fcr mich stimmt das kaum, und im Laufe der Jahre sind mir meine Schreibsommer immer wichtiger geworden, auch wenn ihre Bedeutung sich stark ge\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p>Als Kind und Jugendliche war ich leider eine zu flei\u00dfige kleine Person, die das Wort \u201ePause\u201c nicht kennen wollte. Lesen, Lernen, Schreiben waren mein Lebensinhalt, und Schulferien und jede T\u00e4tigkeit fernab von B\u00fcchern, Stift und Papier eine ungeliebte Unterbrechung.<br \/>\nDa dieser unz\u00e4hmbare Eifer bald Gesundheit und Augenlicht zu gef\u00e4hrden drohte, zwangen mir meine Eltern aus schierer Verzweiflung eine Vereinbarung auf: Ganze drei Wochen im Jahr waren Schreiben und Lernen verboten, und der Lesestoff musste sich auf unterhaltsame Literatur wie Kriminalromane und dergleichen f\u00fcr die Abende beschr\u00e4nken. Weitere zwei Wochen durfte ich lediglich drei Stunden am Vormittag schreiben und arbeiten. Diese durchaus sinnvolle, aber verhasste Ma\u00dfnahme koste mich viele Tr\u00e4nen, doch sie f\u00fchrte nicht nur dazu, dass ich tats\u00e4chlich mich zu regenerieren lernte: Der Kopf wurde frei und spr\u00fchte nur so vor Schreibideen, so dass ich es nicht abwarten konnte, sie endlich zu Papier bringen zu d\u00fcrfen. Besuchte Orte, Begegnungen, das Abendlicht am Strand, der Geruch der Caf\u00e9s unter den Palmen der Promenade, der warme Duft von Konfit\u00fcren, wenn im August Aprikosen und Pflaumen eingekocht wurden\u00a0\u2026 alles war wertvoller Rohstoff, den zu nutzen ein unb\u00e4ndiges Verlangen gebot.<\/p>\n<p>Erst als ich dem Gesetz nach schon erwachsen war, lernte ich den Wert und den Genuss eines Urlaubs zu sch\u00e4tzen und fand in dem befreienden, erholsamen und inspirierenden Nichtstun und der produktiven Frische, die ihm folgten, ein angenehmes und fruchtbares Gleichgewicht.<br \/>\nDass ich den f\u00fcr mich perfekten Urlaubsort gefunden hatte, der mich auch w\u00e4hrend der weiteren elf Monate nicht loslie\u00df und nach dem ich mich regelrecht sehnte, war an dieser Verwandlung nicht ganz unschuldig. Einmal im Jahr brauchte ich den Anblick des strahlend blauen Meeres, den Duft von Kr\u00e4utern und Gew\u00fcrzen, die feuchte K\u00fchle steinerner Gassen und sog sie in mich hinein, auf dass sie mich durch den Winter tragen konnten. Heute, \u00fcber drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter, ist das immer noch der Platz, an dem ich schreiben m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Mit dem Schritt in die Selbst\u00e4ndigkeit verabschiedeten sich Gewohnheiten und feste Lebensrhythmen. So etwas wie Urlaub kam bald nicht mehr in Frage. Der Sommer wurde zu einer Zeit, in der das Schreiben eine andere Qualit\u00e4t annahm.<br \/>\nHektikfreie Wochen dieser Art sind hilfreich, um wieder zur Ruhe zu kommen. Die Arbeit bleibt das vorherrschende Thema, doch verl\u00e4uft sie entspannter und f\u00fchlt sich unbeschwerter an, und auch privates Schreiben oder vereinzelte Lesestunden holen sich ihr Recht zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die Wahrheit ist: Ohne den Sommer k\u00f6nnte ich vermutlich nicht schreiben. Er ist Gesundheitselixier, Gedankenbrunnen, Entsch\u00e4digung und Ansporn. Es gibt f\u00fcr mich keinen Sommer ohne Schreiben\u00a0\u2013 und kein Schreiben ohne Sommer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die meisten Menschen stellen sich vor, dass Schreibende vor allem in den dunkleren Jahreszeiten gerne schreiben: Unfreundliches Wetter lade ein, im Haus zu bleiben, nichts lenke ab und verf\u00fchre, nach drau\u00dfen gehen zu wollen, es gebe also nichts Besseres zu tun, als zu arbeiten. F\u00fcr mich stimmt das kaum, und im Laufe der Jahre sind mir meine Schreibsommer immer wichtiger geworden, auch wenn ihre Bedeutung sich stark ge\u00e4ndert hat. Als Kind und Jugendliche war ich leider eine zu flei\u00dfige kleine Person, die das Wort \u201ePause\u201c nicht kennen wollte. Lesen, Lernen, Schreiben waren mein Lebensinhalt, und Schulferien und jede T\u00e4tigkeit fernab&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/schreibsommer\/\">Weiterlesen<span class=\"screen-reader-text\">Schreibsommer<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,2],"tags":[3,8,6,16],"class_list":["post-100","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kuenstleralltag","category-textleben","tag-alltag","tag-erinnerungen","tag-jahreszeiten","tag-martine-paulauskas","ratio-natural","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/100","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=100"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/100\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":135,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/100\/revisions\/135"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=100"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=100"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kunsttext.de\/Blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=100"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}